Zu Besuch bei Julian Schnabel

Der Mann im Pyjama

Ohne Superlative kommt man nicht aus bei Julian Schnabel. Er ist aber auch ein besonderer Gesprächspartner. Wir besuchten ihn im Atelier seines Sommerhauses auf Long Island.

Sein Ego sei „größer als Manhattan“, werfen ihm seine Kritiker vor. Unbestritten ist, dass Julian Schnabel sich auf Marketing in eigener Sache versteht. Mit 26 Jahren gab er einem seiner Bilder den Titel „I Don’t Want to Be King, I Want to Be Pope“. Mit 39 sagte er einem Journalisten vom „New York Magazine“: „Ich bin das, was Picasso am nächsten kommt.“ Zwar erklärte er später, das sei bloß ein Witz gewesen, aber seit damals haben ihn die Boulevardmedien auf ihrem Radarschirm – und finden immer wieder reichlich Stoff: Schnabel erscheint auf mondänen Festen im Seidenpyjama oder in Cargoshorts. Ehefrauen, alle jung und schön wie Fotomodelle, kommen und gehen. Sieben Kinder werden geboren. Mitten in Manhattan lässt er einen himbeerfar- benen venezianischen Palast namens Palazzo Chupi bauen und füllt ihn mit teuerster Kunst. Als vor zwei Jahren ein Journalist wissen wollte, was Schnabel sieht, wenn er morgens im Schlafzimmer seinen Kopf vom Kissen hebt, kam seine Antwort mit der Genauigkeit eines Buchhalters: „Das letzte Bild, das Blinky Palermo gemalt hat, bevor er mit 33 Jahren starb, drei Arbeiten von Joseph Beuys, Albrecht Dürers Holzschnitt ‚Die vier apokalyptischen Reiter‘, ein Bild von Andy Warhol aus seiner Serie ‚Shadows‘, eine Gouache von Fernand Léger, Fotos von McDermott & McGough, eine Zeichnung von Salvador Dalí, die den Hinterkopf seiner Frau Gala zeigt, eine Picasso-Zeichnung von 1908, eine Fotografie von Luigi Ontani, die ihn nackt als Teufel zeigt, zwei Zeichnungen von James Nares und mein Wachsbild ‚Procession‘ von 1979.“

An diesem Nachmittag hat Schnabel im Atelier seines Sommerhauses in Montauk auf Long Island Platz genommen. Das 1880 gebaute Haus gehört ihm seit 40 Jahren, zum kilometerlangen Dünenstrand gelangt man mit dem Fahrrad in drei Minuten. Früh am Morgen, erzählt der 70-Jährige, habe er seinem sieben Jahre alten Sohn Shooter das Wellenreiten beigebracht. Das Meer sei für ihn eine „Antischwerkraftmaschine“, nirgendwo sonst würde er sich so unbelastet fühlen und frei von Gedanken an seine Kunst.

Sven Michaelsen: Herr Schnabel, Ihr jüngstes Buch – es wiegt fast acht Kilo und kostet 1500 Euro – zeigt die Höhepunkte Ihres Werks von 1975 bis heute. War die Arbeit an dem Buch für Sie eine Art Psychoanalyse?

Julian Schnabel: Nein, warum stellen Sie mir eine dermaßen seltsame Frage?

David Hockney hat mit „A Bigger Book“ 2016 einen ähnlichen Buchkoloss veröffentlicht. Über seine Erfahrungen sagte er hinterher: „Ich habe mich in meinem Leben nur ein einziges Mal mit meiner Vergangenheit auseinandergesetzt. Für mein Buch bin ich sechs Monate lang meine Arbeiten aus 60 Jahren durchgegangen. Das war wie eine Psychoanalyse, die mir klarmachte, wie mein künstlerisches Ich sich entwickelt hat. Die Reise durch meine Vergangenheit wühlte mich so auf, dass ich ein halbes Jahr lang außerstande war zu malen. Das hatte es nie zuvor gegeben. Wie zu Tode betrübt ich auch war, malen konnte ich immer.“

Hockney und ich unterscheiden uns wie Tag und Nacht, auch wenn ich einige Bilder von ihm ganz gut finde. Wenn ich mein Buch vergleichen soll, dann mit „La Boîte-en-valise“ von Marcel Duchamp. In Vorahnung des Zweiten Weltkriegs reproduzierte Duchamp in den Jahren 1935 bis 1941 seine wichtigsten Arbeiten in Formaten, die in einen kleinen Fluchtkoffer passten. In diesem transportablen Museum steckte der gesamte Duchamp. Mein Buch zeigt auf 570 Seiten rund 700 Arbeiten von mir, dennoch sehen Sie von meiner Kunst lediglich die Spitze des Eisbergs. Für einen ersten Eindruck reicht es aber. Es ist schwer, den Kern meiner Kunst zu definieren, weil ich in fast 50 Jahren so viele unterschiedliche Dinge gemacht habe. Warum male ich das gleiche Bild in unterschiedlichen Farben? Gibt es eine gemeinsame Ästhetik, die alles beherrscht, was ich tue, oder wechselt mein Stil alle paar Jahre, weil ich Stil für ein Gefängnis halte? Wer sich in das Buch vertieft, findet vielleicht Antworten auf diese Fragen.

Was haben Sie bei der Zeitreise durch Ihr Werk über sich gelernt?

Lassen Sie mich mit meinen Ängsten beginnen. Ich hatte gefürchtet, einige Arbeiten könnten mir heute peinlich sein wie pubertäre Jugendsünden auf dem Schulhof, aber das Gefühl der Scham ist ausgeblieben. Im Gegenteil, mein Gefühl ist, würde ich morgen sterben, hätte ich meinen Abdruck in der Kunstgeschichte hinterlassen. Bei der Bildauswahl für das Buch war mir wichtig, durch Installationsfotos die Größe meiner Arbeiten zu veranschaulichen. Im Foyer des Opernturms in Frankfurt am Main hängt seit 2010 ein Gemälde von mir, das 12 Meter hoch und 13 Meter breit ist. Auch wenn es sich wie Armdrücken anhört: Wer das Format nicht kennt, kennt das Gemälde nicht. Malen Sie?

 

Sven Michaelsen; KUNSTWERKE: JULIAN SCHNABEL / VG BILD-KUNST, BONN 2022  

 Nein, warum fragen Sie?

Ich will wissen, ob Sie etwas von Malerei verstehen, weil ich schon die idiotischsten Dinge über mich gelesen habe.

 

Der berühmte Kunstkritiker Robert Hughes schrieb Ende der Achtzigerjahre im US-Magazin „New Republic“ über Sie: „Schnabels Werke sind für die Kunst, was Sylvester Stallone für die Schauspielerei ist: eine torkelnde Zurschaustellung ölglänzender Brustmuskeln.“ Meinen Sie diese Art Verrisse?

Es gab noch schlimmere Beleidigungen. In einer erinnerungswürdigen Rezension hieß es: „Schnabel versteht sich darauf, Müll aus Müll zu machen.“ Wenn man schon so lange dabei ist wie ich, erlebt man allerdings auch berührende Umschwünge. Als Rudi Fuchs 1982 künstlerischer Leiter der „documenta 7“ wurde, hat er als Erstes meinen Namen von der Teilnehmerliste gestrichen. Jahre später schrieb er schmeichelhafte Aufsätze über mein Werk. Heute sind wir ziemlich gute Freunde. Meiner Erfahrung nach ist es durchaus fruchtbar, wenn eine Freundschaft mit einer Schlacht beginnt.

Sie sind mit Louise Kugelberg verheiratet, einer aus Schweden stammenden Innenarchitektin, die vier Jahre jünger ist als Ihre älteste Tochter. Ihre Frau ist Mitherausgeberin Ihres Buchs. Gab es Auseinandersetzungen bei der Auswahl der gezeigten Werke?

Louise kennt mein Werk so gut wie niemand sonst, deshalb gab es keine Sekunde Streit. Seit ich mit ihr zusammen bin, habe ich das Gefühl, vier Augen und zwei Gehirne zu haben. In der Beziehung zum Verleger Benedikt Taschen knirschte es zu Beginn. Fünf Jahre wurde über das Buch geredet, drei Jahre dauerte die Fertigstellung. Benedikt hat sehr genaue Vorstellungen davon, wie die Dinge zu laufen haben. Er war lange kein Fan meiner Arbeit, und es hat gedauert, bis er ein tieferes Verständnis für mein Werk entwickelte. Ihm gehörte mal mein 1987 entstandenes Bild „L’Heroine“. Er muss es abgestoßen haben, denn heute besitzt es Albert Oehlen. Obwohl man solche Transaktionen als Künstler nicht gern sieht, halte ich Benedikt für einen bewunderungswürdigen Zeitgenossen.

Ist so ein XXL-Buch auch eine Art Grabplatte?

Ich ahne, worauf Sie hinauswollen. Wenn Schauspieler oder Regisseure bei den Oscars einen Preis für ihr Lebenswerk bekommen, hat man das beklommene Gefühl: Das war’s jetzt, da kommt nichts mehr, nur noch das Gnadenbrot. So gesehen, habe ich mit dem Buch den Lifetime Achievement Award gewonnen, und jetzt erwartet man von mir, zügig zu sterben. Ich sehe das verständlicherweise anders. Habe ich in der Kunst das gesagt, was ich zu sagen habe? Noch lange nicht! Wird es noch ein Buch von mir geben? Nein, mehrere! Nieder mit dem Internet, es lebe das Buch.

Was haben Sie gegen das Internet?

Wenn Sie ein Gemälde schon nicht im Original betrachten können, ist ein Buch die zweitbeste Lösung. Bildschirme dagegen sind der Tod der Malerei. Ein Gemälde in einem elektronischen Medium zu zeigen, ist so sinnlos, wie Staub zu Glitzer machen zu wollen. Ich male auf Samt, alten Tapeten und gebrauchten Lkw- und Bootsplanen. Ich werfe in Farbe getränkte Tennisbälle und Tischtücher gegen meine Leinwände und ziehe sie hinter dem Auto her, um den Asphalt in Ölfarbe zu verwandeln. Von der Körperlichkeit und Oberflächentextur meiner Bilder bekommen Sie aber nichts mit, wenn Sie sie auf einem Bildschirm betrachten.

Versteht ein Maler von seiner eigenen Kunst so viel wie ein Vogel von Ornithologie?

Kein Künstler weiß, warum er tut, was er tut. Wenn ich male, höre ich auf zu denken. Läuft die Arbeit gut, beginnt eine Farbe oder eine Form ein eigenes Leben, und ich als Maler bin nur noch Zeuge. Zu glauben, man könne sich von außen betrachten und die eigene Arbeit objektiv beurteilen, ist eine Wahnvorstellung. Ich habe Andy Warhol ziemlich gut gekannt. Er war eine Sphinx und hat sich zeitlebens geweigert, seine Arbeiten auch nur eine Sekunde lang zu interpretieren. Über alles und jeden hat er sich ausgelassen, nur nicht über seine Kunst. Das war sehr klug von ihm, denn Geheimnisse verlängern die Karriere und die Haltbarkeit des Nachruhms.

Als Anfang der 80er-Jahre Ihre Karriere begann, hatte Warhol seinen Ruf als Avantgardist eingebüßt. Seine Tagebücher aus diesen Jahren sprühen vor Eifersucht auf die „new kids“ Keith Haring, Kenny Scharf, Jean-Michel Basquiat und Sie. Am 16. Mai 1983 notierte er: „Rief Julian Schnabel an. Er hält sich an meine Philosophie, pro Tag ein Bild zu malen. Er versucht, der neue Andy Warhol zu werden. Das machte mich so nervös, dass ich bis um 20 Uhr intensiv arbeitete.“

Das ist doch sehr schmeichelhaft, oder?

Am 16. Februar 1987, sechs Tage vor seinem Tod, schrieb Warhol in sein Tagebuch: „Julian Schnabel war da. Er war wirklich auffallend charmant. Sein Buch ist erschienen. Für wen hält er sich? Er ist so penetrant und aktiv. Aber so muss man sein im Leben, penetrant und aktiv.“

Vielleicht fühlte sich Andy durch mein damaliges Verhalten an seine eigenen Anfänge erinnert. Talent zu haben reicht nicht, du brauchst auch die Begabung, aus deiner Begabung etwas zu machen. Ohne Verausgabungsbereitschaft und Durchsetzungswillen ist Talent so nutzlos wie ein Kühlschrank in der Antarktis. Andy war da keine Ausnahme. Seine Beziehung zu Jean-Michel Basquiat war von Faszination und einer Spur Eifersucht grundiert. Ich habe die beiden oft zusammen erlebt. Einmal nahm Andy mich beiseite und bat mich mit großem Ernst, Jean-Michel davon zu überzeugen, endlich mit den harten Drogen aufzuhören. Gelungen ist es mir nicht. 1988 starb er mit 27 Jahren an einer Überdosis Heroin.

1982 hat Warhol Ihnen Modell gestanden. Ihr mit Ölfarben auf schwarzen Samt gemaltes Porträt ist 2,7 mal 3 Meter groß und zeigt Warhol unbekleidet mit einer pinkfarbenen Bauchbinde.

Er kam in mein Studio, und während ich ihn fünf Stunden lang malte, unterhielten wir uns. Es war das erste Gespräch zwischen uns, das diesen Namen verdiente, denn in Gesellschaft äußerte er meist nur belangloses Blabla, oder er kicherte schüchtern. Beim Modellstehen klagte er, dass Kritiker ihn nicht auf eine Ebene mit Jasper Johns und Robert Rauschenberg stellten und er deshalb lieber Filme drehe als zu malen. Ich sagte: „Du bist ein großartiger Maler. Lass die Filme sein und konzentriere dich auf das, was du am besten kannst.“ Auf mich gehört hat er nicht, wie wir alle wissen.

Warum die pinkfarbene Bauchbinde?

1968 hatte eine psychisch kranke Attentäterin auf ihn geschossen und lebensgefährlich verletzt. Um die vernarbten Partien im Bauchbereich zu stützen, musste er ein medizinisches Korsett tragen. Aus ästhetischen Gründen hatte er Modelle in verschiedenen Farben.

Nachdem Sie Warhol gemalt hatten, revanchierte er sich mit einem 2,7 mal 2 Meter großen Porträt von Ihnen. Ausgangspunkt war ein Polaroid, das Sie in Arbeitshose und weißem Unterhemd zeigt.

Das Polaroid hat meine damalige Frau aufgenommen…

Die belgische Modedesignerin Jacqueline Beaurang, die Mutter Ihrer Kinder Lola, Vito und Stella.

Ihr Foto entstand in Amagansett, 15 Meilen von hier entfernt. Ich stehe in einer mit Gras überwachsenen Dünenlandschaft, umgeben von einem Stacheldrahtzaun und einem bunkerartigen Erdloch. Für mich waren das die perfekten Zutaten, um mich zu charakterisieren. Ich gab Andy das Foto und sagte: „Du willst mich malen? Warum versuchst du es nicht hiermit?“ Er zerschnitt das Polaroid in drei Teile und machte sich an die Arbeit.

Mochten Sie das Ergebnis?

Je öfter ich das Bild betrachte, desto begeisterter bin ich – bis heute. Zudem ist es das größte Porträt, das er je gemalt hat. In meinem Haus in Manhattan hängen drei Versionen des Bildes, in Pink, Gold und Lavendel. Soweit ich weiß, gibt es neun Originale.

WESTON WELLS; KUNSTWERKE: JULIAN SCHNABEL / VG BILD-KUNST, BONN 2022

Sie sind im Oktober 70 Jahre alt geworden. War das ein Anlass, Rückschau zu halten und sich über den eigenen Rang in der Kunst klarzuwerden?

Erfolg auf dem Kunstmarkt hängt von Kriterien ab, die oft nichts mit Kunst zu tun haben. Vermeer wurde erst 300 Jahre nach seinem Tod als Genie entdeckt. Ich kümmere mich immer weniger darum, wie Kritiker und Publikum meine Kunst beurteilen. Viele denken, das sei Arroganz, aber in Wahrheit geht es darum, dass ich niemanden mehr gefallen möchte. Mein Eigensinn ist heute stärker als mein Erfolgswille. Ich hätte in einer Million Jahren nicht gedacht, dass ich zurzeit Rosen auf zerbrochenes Porzellan male, das auf Leinwänden klebt. Bin ich entgleist? Ist aus mir ein Dekorationskünstler geworden? Nein, es ist ein Akt der Freiheit und Selbstbestimmung, dass ich Rosen male. Nichts würde den Optimismus, den ich zurzeit in mir spüre, besser ausdrücken.

Im November vergangenen Jahres sind Sie ein paar Tage nach Ihrem 70. Geburtstag noch einmal Vater geworden. Ihrer Tochter gaben Sie den Namen Esmé Ingrid Esther Kugelberg Schnabel.

Soll ich Ihnen veranschaulichen, wie ich über Kinder denke? Ich habe aus Nick Tosches’ 2002 erschienenem Roman „In the Hand of Dante“ ein Drehbuch gemacht. Darin steht der Satz: „Ein Kind, das einen Tag lang unter der Unendlichkeit des Himmels gelebt hat, könnte mehr gelebt haben als ein König in hundert Jahren.“ Der Gedanke an den Tod ist seit meiner frühen Jugend eine Obsession von mir. Mit jedem neuen Kind, mit jedem neuen Bild protestiere ich gegen den Tod. Es gibt noch vier Filme, die ich drehen möchte, bevor ich sterbe.

Von Ihren bislang sechs Filmen sind die bekanntesten „Schmetterling und Taucherglocke“ – mit zwei Golden Globes und vier Oscar-Nominierungen ausgezeichnet – und „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“ mit Willem Dafoe. Welche Filme planen Sie neben „In the Hand of Dante“ noch?

Ich halte Tom Tykwers Verfilmung von Patrick Süskinds Roman „Das Parfum“ für misslungen. Deshalb habe ich vor 20 Jahren ein Drehbuch geschrieben, für das es von Produzenten leider immer noch kein grünes Licht gibt. Kennen Sie als Deutscher Daniel Kehlmanns Roman „Tyll“?

Ja.

Daniel und ich haben in den letzten Monaten aus „Tyll“ ein Drehbuch gemacht. Darüber hinaus arbeiten wir an einer neuen Fassung des „Parfum“-Stoffs. Womöglich wird aus dem Projekt eine sechsteilige Miniserie für einen Streaming-Anbieter. Das Filmgeschäft erinnert mich in jeder Sekunde an einen Satz von Marlon Brando: „Wenn du beim Film auf Kunst aus bist, wirst du dir blaue Flecken holen.“ Das Sagen haben die Buchhalter. Wenn ich einen Film für 15 Millionen Dollar machen will, heißt es lapidar: „Kein Problem“. Brauche ich 30 Millionen Dollar, wird gefragt: „Hast du denn auch einen großen Star für die Hauptrolle, der die Kinosäle füllt?“ Man muss nicht studiert haben, um die Denkweise dieser Leute zu kapieren. Das Gute ist, ich habe mit Joaquin Phoenix einen Superstar, der die Hauptrolle im „Parfum“ unbedingt spielen möchte. Mit seinem Namen auf der Besetzungsliste würde man mir auch einen Film finanzieren, in dem er den Nachbarn von Micky Maus spielt.

Wie haben Sie Kehlmann kennengelernt?

Durch meinen Freund Max Hollein, den Leiter des Metropolitan Museum of Art. Max ist Österreicher und liebt die deutschsprachige Literatur. Deshalb lud er Daniel zu einer Dinnerparty ein. Nachdem wir miteinander geredet hatten, lud ich ihn mit seiner Frau ein, nach Montauk zu kommen. Daraus ist die Freundschaft zweier Ehepaare entstanden.

Was ist Ihr viertes Filmprojekt?

Ich bin ein großer Bewunderer von Luis Buñuels 1980 erschienener Autobiografie „Mein letzter Seufzer“. Der Ghostwriter von Buñuel war mein im vergangenen Jahr gestorbener Freund Jean-Claude Carrière. Der letzte Absatz des Buchs lautet: „Trotz meines Hasses auf die Medien würde ich gern alle zehn Jahre von den Toten auferstehen, zu einem Kiosk gehen und mir ein paar Zeitungen kaufen. Mit den Zeitungen unter dem Arm würde ich zum Friedhof zurückkehren und von den Katastrophen der Welt lesen, um dann im sicheren Schutz meines Grabes beruhigt wieder einzuschlafen.“ 2011, 26 Jahre nach Buñuels Tod, veröffentlichte Jean-Claude das Buch „Buñuels Erwachen“. Darin steigt er mit Zeitungen und reichlich Rotwein zu Buñuel in die Gruft herab, um mit ihm über die Veränderungen der Welt zu disputieren. Aus diesen Totengesprächen möchte ich einen Film machen. Die Rolle von Buñuel soll Javier Bardem spielen. Das Drehbuch schreibe ich wieder mit Daniel zusammen.

Ein Maler mit vier Filmprojekten am Hals: Übernehmen Sie sich?

Und selbst wenn. Im schlechtesten Fall werde ich in irgendeiner Provinzbuchhandlung vor 30 betagten Zuhörern aus meinem „Parfum“-Drehbuch vorlesen. Wegen Covid lebe ich seit dem 15. März vergangenen Jahres in Montauk. Von den Aufgeregtheiten der Kunstwelt in Manhattan trennen mich Gott sei Dank zwei Autostunden. Ich male, schreibe, schaue meinen Kindern beim Großwerden zu und verbringe viel Zeit mit einer Frau, die ich liebe. Haben Sie ein schöneres Leben? Es gibt in ei- nem Song von Tom Waits eine Zeile, die mein Lebensmotto sein könnte: „Life is a path lit on- ly by the light of those I’ve loved“.

Jerry Saltz, einer der renommiertesten US- Kritiker, fordert wegen Corona eine neue Bescheidenheit in der Kunstwelt: Weniger Protz und Glamourpartys, mehr Konzentration auf das, was sich jenseits von Marktmoden Kunst nennen darf.

Geht Jerry Saltz zu diesen glamourösen Partys? Ich nicht. Künstler sind Arbeiterklasse-Existenzen.

Sie sind Multimillionär.

95 Prozent aller Künstler stammen aus Mittelschichtfamilien, in denen Eltern ihren Kindern sagen, sie sollen die vom Großvater gegründete Reinigungsfirma weiterführen. Wie Musiker oder Basketballspieler gehen junge Künstler eine höchst unsichere Wette auf die Zukunft ein: Mein Talent ist groß genug, um es trotz Millionen von Konkurrenten an die Spitze zu schaffen. Auf wohlmeinende Ratschläge wie die von Jerry Saltz können sie verzichten. Viel beunruhigender sind die zunehmenden Zensurversuche in der Kunst. Nehmen Sie das Gemälde „Open Casket“ von Dana Schutz. Es zeigt den 14-jährigen Schwarzen Emmett Till, der 1955 von zwei Weißen in Mississippi gelyncht wurde. Aktivisten haben gefordert, das Bild zu zerstören, weil eine Weiße nicht das Recht habe, das Schicksal Schwarzer für ihre Kunst auszubeuten. Vor Menschen, die so denken, fürchte ich mich.

1996 haben Sie mit „Basquiat“ einen Kinofilm über Ihren farbigen Künstlerfreund Jean-Michel Basquiat gedreht. Zu den Mitwirkenden gehörten Dennis Hopper, Benicio del Toro, Gary Oldman, Christopher Walken und David Bowie. Würde das heute als Akt kultureller Aneignung einen Shitstorm provozieren?

Ja, wahrscheinlich würde man mir vorwerfen, als weißer Ausbeuter aus dem Leidensweg eines Schwarzen Profit schlagen zu wollen, denn nur Schwarze könnten Schwarze verstehen. Viele Kritiker bewerten Kunst inzwischen, als sei sie eine elitäre Form des moralischen Engagements und habe dem Fortschritt zu dienen. Sie suchen beim Künstler einen Willen zur Weltveränderung, dem sie zustimmen oder den sie ablehnen. Auf diese Weise machen sich Kritiker zu Aktivisten und Influencern. Was hat die Qualität eines Bildes mit dem moralischen Kompass des Malers zu tun? Ändert es etwas am Genie von Caravaggio, dass er vermeintlich bei einem Tennismatch seinen Gegner ermordet hat? Ich mag keine opportunistischen Künstler, die sich nach demjenigen politischen Klima ausrichten, das gerade in Mode ist. Konformismus und Kunst widersprechen einander. 1979 habe ich eine Arbeit von mir „Circumnavigating the Sea of Shit“ genannt. Das ist es, was wir heute tun sollten: das Meer aus Unsinn umschiffen.

Wie kamen Sie bei „Basquiat“ darauf, ausgerechnet den britischen Glamrocker David Bowie als Andy Warhol zu besetzen?

Ich hätte es seltsam gefunden, Andy von einem professionellen Schauspieler darstellen zu lassen. Die Zuschauer hätten die ganze Zeit gedacht: Das ist doch gar nicht Warhol, sondern bloß ein Berufsschauspieler, der verzweifelt versucht, wie Warhol zu sein. Wenn Sie dagegen David Bowie als Warhol sehen, sind Sie perplex und fragen sich:

„Ist das Andy Warhol, der David Bowie spielt, oder David Bowie, der Andy Warhol spielt?“

Durch das Zusammentreffen von zwei Kunstfiguren einen Doppelgänger-Effekt zu erzielen, schien mir ein schöner Pop-Moment zu sein. Wenn ich Werbung machen darf: Ich habe eine Schwarz-Weiß- Fassung von „Basquiat“ fertiggestellt. Farbig sind nur der Abspann und die Szenen, in denen er malt. Die Premiere des Films war im vergangenen Juni im Museum of Modern Art in New York. „Basquiat“ nach 25 Jahren noch einmal in die Kinos zu bringen, ist das schönste Geschenk, das ich meinem Freund Jean-Michel machen kann.

Wie haben Sie den damals 49-jährigen Bowie am Set erlebt?

Für einen Laien war er erstaunlich gut vor der Kamera. Als er zum ersten Mal die berühmte Warhol-Perücke aufsetzte, fing die ganze Crew zu lachen an. Er sah auf einmal aus wie seine eigene Tante. Er gehörte zur seltenen Spezies von ikonischen Superstars, die ihren Weltruhm in Charme verwandeln können und sich bemühen, zu jedermann so easy-going wie irgend möglich zu sein. Seine ständig wiederkehrende Frage an mich war: „Julian, habe ich dir heute alles gegeben, was du für deinen Film brauchst?“

Wenn Sie 50 Jahre Künstlerdasein in zwei, drei Sätzen zusammenfassen müssten: Wie lauten sie?

Ich male nicht, um zu illustrieren, was ich weiß. In der Kunst geht es darum, eine Frage zu haben und ihr unermüdlich nachzugehen – mit der dunklen Ahnung, niemals eine Antwort zu finden. Aus jemandem, der diese Vergeblichkeit aushält und sich jeden Morgen an die Staffelei stellt, könnte vielleicht einmal ein Künstler werden.

Interview
Sven Michaelsen