Thema Design

KLICK UND KUNST

„Ich mag mein Geld am liebsten dort, wo ich es sehen kann“, sagte Carrie Bradshaw einst über ihren luxuriös gefüllten Kleiderschrank. Dass aber Mode nicht die einzige Investition sein muss, beweist Net-A-Porter mit seinem neuesten Channel. Ab 6. Juni verkauft der Luxus-Online-Shop auch zeitgenössische Kunst. Den Anfang macht kein Geringerer als Modefotograf Guy Bourdin: zehn gerahmte Fotografien des Parisers werden verkauft, unter anderem Werke, die er für Chanel, Charles Jourdan und Vogue geschossen hat. Und die zukünftigen Stücke? Werden in Kooperation mit der Plattform für Kunst und E-Commerce AP8 ausgewählt.

© The Guy Bourdin Estate 2022

Bitte eintauchen!

Einfach mal blaumachen. Das kommt Designer Simon Porte Jacquemus nur wörtlich genommen in den Sinn. Nachdem sein „24/24“ Pop-up-Konzept mit rund um die Uhr geöffneten Verkaufsautomaten in Paris und Mailand erfolgreich gestartet ist, zieht ihn die Zusammenarbeit mit dem Kaufhaus Selfridges nun nach London. Angelehnt an die vom Wasser inspirierte „Le Splash“-Kollektion sind sowohl der 24/24 Pop-up auf der Rückseite des Kaufhauses, als auch der neue Selfridges Corner Shop komplett in Blau gestaltet. Im Old Selfridges Hotel gibt außerdem eine Installation zu sehen, die von Umkleidekabinen in Schwimmbädern inspiriert ist. Nostalgie inklusive.

Credit: Jacquemus/Selfridges

Fotograf: Lewis Ronald

Ein Like für kritische Kunst

Berühmt wurde die taiwanesische Künstlerin mit ihrer Serie von Selbstporträts auf Flugzeugtoiletten, bei der sie Teile ihres Körpers mit Klodeckeln bedeckte. Auf Instagram folgen der gesellschaftskritischen Kunst von John Yuyi mittlerweile mehr als 223.000 Fans, denn besonders mit ihren temporären Tattoos stellt die 31-Jährige immer wieder in Frage, wie Frauen und ihre Körper im Internet dargestellt und kommerzialisiert werden. Nun sind ihre Werke auch offline zu bewundern. Von 10. Juni bis 27. August 2022 in der Züricher Christophe Guye Galerie.

Credit: John Yuni / Christopher Guye Galerie

Reelle Realitäten

Die Zukunft scheint im Metaverse zu liegen. Wer aber meint, die Welt sei nur in der virtuellen Realität schöner, der sollte sie durch die Augen von George Byrne betrachten. Mit der Ästhetik eines Malers fotografiert der Australier Häuser und Landschaften. Wie bei seiner Arbeit „Post Truth“ liegt der Fokus stets auf Welten, die so zuckerig wirken, dass man kurz an ihrem Dasein zweifelt. Der gleichnamige Bildband versichert: Alles echt! (Hatje Cantz)

GeorgeByrne/Hatje Cantz Verlag

Was das schwedische Modehaus H&M kann, kann die Tochtermarke H&M Home schon lange. Nun legt die Möbelsparte mit prominenten Gast-Designern nach. In diesem Jahr hat sich die iranisch-französische Designerin India Mahdavi ausgetobt. Wie kam es dazu? Das haben wir sie gefragt.

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Zurückbleiben bitte

In der Station Vittoria in Brescia lädt eine neue Installation von Nathalie Du Pasquier und dem Fliesenhersteller Mutina zum Verweilen. Die quaderförmigen Gebilde sind mit bunten Fliesen aus der Reihe Mattonelle Margherita eingekleidet. Auch ein Hahn hat sich in einer Nische versteckt. Die U-Bahn-Station als Ausstellungsort gehört in Metropolen längst zu den Prestigeobjekten. Ein gutes Zeichen, dass kleinere Städte nun nachziehen.

Piercarlo Quecchia

Kurve trifft Gerade: Das Teakholzgestell des Sessels „Pablo“ ist angewandte Mathematik. Von Vincent Van Duysen für B&B Italia
Umarmung: Spangen aus gebeiztem Teakholz halten beim Sessel „Rotin“ das wetterfeste Sitzpolster. Von Zanellato/Bortotto Studio für Ethimo
Feiner Feierabend: Garage „Toulon“ bietet Mährobotern und Ladestationen ein standesgemäßes Heim, Garpa
Out of India: Das Keramiktischchen „Guna“ von Chiara Andreotti spielt auf indische Möbel an. Gervasoni
Vorhang: Das Gestell des Esstischs „Cartagenas“ von Sebastian Herkner besteht aus Kunststoff- streifen, die Platte aus Marmor. Ames
Wolkenbett: V-förmige Metallbeine lassen das Polster von „Valentina up“ schweben. Von Alejandra Gandía-Blasco für Diabla
Kurve trifft Gerade: Das Teakholzgestell des Sessels „Pablo“ ist angewandte Mathematik. Von Vincent Van Duysen für B&B Italia
Gut gewickelt: Eine Manschette aus Outdoor- Faser hält beim Tisch der Kollektion „Fresco“ von Matteo Thun die Beine zusammen. Gloster
Wellennest: Die geschwungene Kontur schafft beim Sofa „Lido Cord Outdoor“ von Gamfratesi unterschiedliche Sitztiefen. Minotti
Inspiration Kaffeehaus: Den Metalltisch „Ringer“ entwarf Michael Anastassiades für Kettal
Stuhlskizze: Bei „HiRay“ von Palomba + Serafini werden Umriss und Sitzfläche von schmalen Metallstäben gezeichnet. Kartell
Zeitlos: Das Stahlrohrgestell macht Sessel „Onsen“ von Francesco Meda und David Quincoces zum Klassiker-Kandidaten. Gandiablasco
Shine on: Das Garn des Kelims „Diamond“ von Charlotte Lancelot besteht aus recyceltem PET. Ganrugs
Gut vertäut: Die mobile Glasleuchte „Knot Battery“ von Chiaramonte Marin bietet Licht für 4,5 Stunden (Brokis)
Wolkenbett: V-förmige Metallbeine lassen das Polster von „Valentina up“ schweben. Von Alejandra Gandía-Blasco für Diabla

Wir sind draußen… oder drinnen: Die neuen Outdoor-Möbel sind so wohnlich, dass sie auch indoor passen. Falls der Sommer schwächeln sollte.

Raus aufs Land  

Mit Designer Christian Dior verbindet man klassischen Pariser Chic. Seine Liebe zum ländlichen Stil Südfrankreichs ruft die MIDI Kollektion von Innenarchitekt Pierre Yovanovitch für Dior wieder ins Gedächtnis. Entstanden sind Tabletts, Kerzenhalter oder Lampen aus mundgeblasenem Glas und traditioneller Holzarbeit. Für die Gestaltung orientierte sich Yovanovitch am Château de la Colle Noire, dem ehemaligen Landhaus des Couturiers in der Provence. Die Worte Diors zu seinem Wohnsitz gelten also gleichermaßen für die Midi Kollektion: “Einfach, solide und edel”. Ab sofort online.

Wir haben Erik Thomsen auf der Nomad in St.Moritz angetroffen. Die Ausstellung läuft noch bis zum 06.03.22.

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Giorgio Pace

 Co-Founder von NOMAD

Die Ausstellung der Galleria Luisa Delle Piane
Das Auktionshaus Christie’s ist auch mit von Par
Design von Star-Innenarchitekt Pierre Yovanovitch
auch in Kooperation mit D

ON THE GO

Dagmar von Taube live aus St. Moritz: Die „Nomad“, eine wandernde Verkaufsausstellung, gegründet von Giorgio Pace und Nicolas Bellavance-Lecompte, öffnet wieder ihre Türen. Ein Konzept, das die Welt bereist, und internationale Sammler und Galerien, Kunst, Architektur und Design an außergewöhnlichen Orten der Welt vereint.

Bis zum 06.03.22 findet die derzeitige Nomad in der 1595 erbauten Chesa Planta in Samaden statt: Einst privates Wohnhaus, heute ein Museum, das die reiche Kulturgeschichte des Oberengadins bewahrt. Schätze von 33 Ausstellern sind dort dieses Jahr zu bestaunen – darunter der französische Star-Innenarchitekt Pierre Yovanovitch, die New Yorker Galerie Vito Schnabel, das Auktionshaus Christie’s – einzigartige Möbel, kostbare Keramik-Arbeiten, Teppiche, Glas-Kunst, Gemälde und Skulpturen. Nomad-circle.com

Bilder von Mattia Parodi, Piergiorgio Sorgetti , Federico Floriani

„Die Now, Pay Later“ von Juno Calypso, 2018Credit: Courtesy of the artist and TJ Boulting
„A Clone of Your Own“ von Juni Calypso, 2017 Credit: Courtesy of the artist and TJ Boulting
Tomoko Sawada
OMIAI♡, 2001 Credit: Courtesy ROSE GALLERY
„Organ Player“ von Narcissister, Filmaufnahme, 2018; Credit: Courtesy of the artist
„Cosplayers“ von Cao Fei, 2004
Courtesy of the artist; Credit: Vitamin Creative Space and Sprüth Magers
Mary Reid Kelley und Patrick Kelley
„Rape of Europa“, 2021
Filmaufnahme; Credit: Courtesy the artists

Alltägliche Rollenspiele

Metaverse, Instagram, Virtual Reality: Ist die Erfindung anderer Welten die einzige Möglichkeit geworden, wirklich man selbst zu sein?

Über diesen Gedanken reflektiert „Role Play„, die neue Ausstellung der Fondazione Prada, die von Melissa Harris kuratiert und im Osservatorio in Mailand gezeigt wird. Elf internationale Künstler:innen, wie etwa Juno Calypso und Cao Fei, erforschen das Konzept einer alternativen Identität, die sich zwischen dem authentischen, dem idealisierten und dem universellen Selbstbild bewegt. Das Ergebnis ist absolut sehenswert und eine willkommene Pause vom Trubel der Mailänder Fashion Week. Bis 27. Juni 2022 zu sehen.

AIN’T NO TRASH

Bei ihrem Umzug von Berlin nach Hamburg wurde Linda Käckermann bewusst, dass sie fast ausschließlich Secondhand- und Vintage-Möbel besitzt. „Mit ,Ain’t no trash‘ möchte ich meinen Instinkt für individuelle Design-Möbelfunde zugänglich machen und zeigen, wie eine nachhaltige Einrichtung aussehen kann“, so die 30-Jährige, die mittlerweile quer durchs Land fährt, um Einzelstücke aus Designepochen wie Bauhaus oder Space-Age-Ära aufzuspüren; verkauft werden zum Beispiel Objekte wie den „Flying Carpet“ von Simon Desanta für Rosenthal. Und wer nach einer besonderen Location sucht: Das Niendorfer Studio lässt sich mieten.

Spekulationsobjekte

„Was könnte in Zukunft normal sein?“, fragt der Designer Konstantin Grcic in seiner Soloschau „New Normals“ im Berliner Haus am Waldsee. Smartphones, E-Cars, Masken? Vor ein paar Jahren oder auch nur Monaten hatten wir keine große Vorstellung von diesen Dingen. Heute sind sie selbstverständliche  Bestandteile unseres Alltags. „New Normals“ nennt sie Konstantin Grcic, weil in ihnen die Zukunft schon Form angenommen hat. Das interessiert den weltbekannten Designer, denn „Design ist immer eine Projektion nach vorn“.

Und weil man die Zukunft nicht wissen, wohl aber gestalten kann, hat er sich jetzt für seine große Soloausstellung im Berliner Haus am Waldsee einige seiner berühmtesten Entwürfe vorgenommen, sie verändert und umgedeutet. Seinen „Bell Chair“ (2020 für Magis) hat er mit einem Fahrradschloss an einen Rammschutzbügel aus Stahl gekettet, seine ohnehin schon spacigen Drehhocker und -stühle  „360“ (2009, für Magis) zu einem Karussell vereint und die mobile Leuchte „Mayday“ (1999 für Flos) unter jeder Decke fixiert wie einen Rauchmelder. Noch wirken die Objekte vielleicht fremd, „Aber plötzlich könnten sie überall sein und werden uns dann als ganz selbstverständlich erscheinen“, spekuliert er. Denn die Installationen, so hintersinnig und humorvoll sie auch sind, sind nur als Vorschläge gedacht. „Zukunft, die vorgibt, eindeutig zu sein, ist Kulisse“, sagt Grcic. „Die echte Zukunft ist unvollendet“. Gabriele Thiels

 

Konstantin Grcic, New Normals (Detail), 2021, Foto: Florian Böhm

Monstermäßig 

Designer Marcel Wanders entwirft einen gefährlich gut aussehenden Basketball. Sechs Augenpaare, die bedrohlich gucken und den Korb quasi immer im Blick haben: Was soll da noch schiefgehen beim nächsten Spiel? Der Basketball, den Marcel Wanders entworfen hat, heißt nicht umsonst „Monster“ – eine Kooperation zwischen Wanders’ exzentrischer Möbelmarke Moooi und der amerikanischen Sportfirma Spalding. Im Design gehört der Niederländer zu den Großen, für die NBA wäre er zu klein – die Spieler der Profiliga sind im Durchschnitt  2,07 m lang, Wanders mißt „nur“ 1,93m. Und würde mit DEM Ball vielleicht trotzdem jeden Slam Dunk schaffen. 88 Euro, Moooi.com

Bike trifft Bauhaus. Für die Edition „TectaXOPEN“ übertrug das Kölner „Studio für Gestaltung“ die Farbkompositionen der Bauhauskünstlerin Anni Albers auf Möbel und Rennräder.
im Hintergrund: Sessel „F51“ von Walter Gropius
Stahlrohrstuhl „B40“
Sessel „F51“ von Walter Gropius

Schnell und bunt

Eine Kollektion aus Möbelikonen und Rennrädern zeigt, wie zeitgemäß das Bauhaus ist. Zwei Trends, die Corona beflügelt hat: Rad fahren und Wohnen mit vielen Farben. Das eine hat mit dem anderen erstmal nichts zu tun, aber die deutsche Möbelmarke Tecta stellt die Verbindung locker her, indem sie den Umweg übers Bauhaus nimmt. Tecta produziert europaweit die meisten Ikonen der berühmten Gestaltungsschule und bringt vier davon jetzt in besonders bunten, überraschenden Tönen und zusammen mit farblich passenden Fahrrädern heraus. Die Edition „TectaXOPEN“, die gemeinsam mit der schweizer Velo-Manufaktur OPEN entstand, ist von den Farbkompositonen inspiriert, die die Bauhauslehrerin Anni Albers ersann: Da trifft Rosa auf Schwarz, Blau auf Gelb und Türkis gibt es gleich in mehreren Nuancen. Das steht den Möbeln ebenso wie den ultracoolen Rennrädern, die, wie immer bei OPEN, nach dem Baukastensystem zusammengestellt werden.

Wie eng beides schon in den 1920ern zusammen hing, belegt die wohl charmanteste Anekdote, die es über das Bauhaus gibt: Marcel Breuer, damals Jungmeister am Bauhaus Dessau und ausserdem ein passionierter Radfahrer, soll durch den gebogenen Lenker seines Fahrrads zu seiner ersten Stahlrohrmöbeln inspiriert worden sein. Dazu gehören Freischwinger wie Sessel und auch ein Daybed auf Speichenrädern, dass schon im Entwurf von 1928 wie eine bequeme Variante des Liegefahrrads wirkte und heute von Tecta hergestellt wird. Die Farben wiederum räumen auf mit einem der hartnäckigsten Vorurteile über das Bauhaus: dass dort alles schwarzweiß war. Von wegen. Wie sagte schon Walter Gropius: „Bunt ist meine Lieblingsfarbe“. Gabriele Thiels

Kunst kommt von Können

Seit Jahren schon stellt Florentine Joop ICON ihr kluges Schreibtalent und ihre Kreativität zur Verfügung, schreibt in jeder Ausgabe ihre Kolumne „How to Art“ und illustriert jede einzelne von ihnen. Ihre Fantasie? Schier grenzenlos. Und nun verkauft die Illustratorin, die mit Mann, drei Kindern, Patchworkfamilie, Eltern und Hühnern auf einem kleinen Gut in Potsdam lebt, drei ihrer Aquarellkunstwerke in der Weihnachtsausstellung „100 unter 1000“ im Schindler LAB in Potsdam, einem Zentrum für zeitgenössische Kunst. 4. & 5. sowie am 11. & 12. Dezember.

BUNTER TELLER – BITTE ZUGREIFEN!

In einer Welt, die zunehmend digitaler wird, darf das Echte ruhig mehr als nur den Sehsinn ansprechen. Die neue Hermès Home Collection setzt dafür auf Materialien und Texturen, die berührt werden wollen. Der Teller „Sialk“ ist etwa aus emailliertem Kupfer gefertigt und kommt mit einem Durchmesser von 28 Zentimetern in sechs Farbvariationen.

Lederschlange

Ist das eine Plastik, oder darf man drin sitzen? Die Frage stellt sich gefühlt bei zwei Dritteln aller Sofas von DeSede. Denn die Modelle der Schweizer Manufaktur sind wie Skulpturen geformt und haben eine solche Wucht, als würde man am liebsten gleich ganze Berglandschaften mit Leder beziehen. Dass sie das handwerklich könnten, daran lassen all die perfekt verarbeiteten Stücke keinen Zweifel. Jetzt ist das „DS-707“ dazugekommen, für das sich der britisch-kanadische Designer Philippe Malouin am Brutalismus orientierte und diesen mit den fließenden, weichen Übergängen der Postmoderne verbunden hat. Das modulare System mit seinen Schlaufen und Bögen ist so üppig wie geschmeidig und natürlich eine Leistungsschau der Lederverarbeitung. Aber: Man kann es, das ist ganz neu bei DeSede, jetzt auch mit Stoffbezügen haben. Die Berge ließen sich sicher auch darin einnähen.

ICON – die Design-Ausgabe