Thema Design

Sottsass’scher Knalleffekt in Köln

Ettore Sottsass kämpfte für Freiheit von Form und Funktion. Er gestaltete Zukunft, war der Punk der Möbelgestaltung. Seine Objekte sind schräg, bunt und provokant. Als Mitbegründer der Kollektivs Memphis mischte er in den 1980ern die Architektur- und Designszene auf. Und den Flagship-Store der Modemarke Esprit im Stollwerk-Haus in Köln. Der Laden knallte. Dann kamen neue Mieter, dann kam ein neues Interior, Sottsass‘ Projekt war vergessen.

Bis jetzt. Juwelier Wempe kauft das Haus, Firmenchefin Kim-Eva Wempe lässt die Räume erneuern, ihre Architektin Anna Nicolas entdeckt Terrazzo-Flächen, Sottsass-Möbel im geheimen Zwischengeschoss, legt die Treppenskulptur frei, die der Designer mit dem japanischen Architekten Shuji Hisada entwarf – „Ein Juwelier findet ein Juwel“ sagt Schatzgräberin Kim-Eva Wempe. Ein Gesamtkunstwerk. Das wird gefeiert. Mit einer Memphis-Ausstellung im Wempe-Sottsass-Haus, kuratiert von Dr. Mateo Kries, dem Leiter des Vitra Designmuseums. Sie läuft bis zum 21.November. Und ja, jetzt knallt es wieder!

Dr Matteo Kries , Direktor des Vitra Design Museums, über die drei Heroen des italienischen Designs 

„Wann immer wir in ein neues Gebäude ziehen, wird dessen Historie erkundet und nach Elementen gesucht, die seine Geschichte erzählen. Zur Renovierung des New Yorker Geschäfts trug Anna Nicolas vorab die Vergangenheit des Gebäudes, des einstigen „Gotham Hotels“ zusammen, in Düsseldorf arbeitete sie mit Kastanienholz, weil die Königs- in Wirklichkeit eine Kastanienallee ist. In der Kölner Niederlassung legte sie ein komplettes Memphis-Dekor von Ettore Sottsass frei und ließ sogar den Originalteppich nachweben.“

Kim-Eva Wempe über die Gestaltung der Wempe Niederlassungen

16 Arme ragen aus dem Pool auf der Dachterrasse des Soho House. Besser gesagt: Es sind 16 hyperrealistische Gipsabgüsse von Armen, deren Daumen in die Höhe gestreckt sind und Teil der neuen Installation des in Berlin lebenden Künstlers Max Siedentopf sind. „Don’t worry be happy“, benannt nach dem Song von Bobby McFerrin, wurde gestern zum Auftakt der Berliner Art Week präsentiert. Es solle widerspiegeln, „wie die Gesellschaft mit den meisten aktuellen Problemen, schlechten Nachrichten, der Energiekrise und mehr konfrontiert wird, aber gleichzeitig sich selbst überlassen bleibt und eine wahnhafte positive Einstellung beibehält, um sich nicht zu sorgen und stattdessen „glücklich“ zu sein.“ Das Kunstwerk ist noch bis Montag, den 19. September, im Pool installiert und auf Initiative des Soho House entstanden. Caroline Börger

Reizüberflutung? Shake it off!

Detox ist die Befreiung von Überflüssigem. In totaler Askese, wie einst die Shaker, müssen wir aber nicht leben. Designer Raf Simons fügt der Gleichung nun Ästhetik hinzu: Schönheit aus Ordnung lautet das Ziel der neuen Lifestyle-Accessoire Linie in Zusammenarbeit mit dem dänischen Textil- und Designstudio Kvadrat.

Inspiriert von Minimalismus und Funktionalität der amerikanischen Shaker-Möbel aus dem 19. Jahrhundert entstand das Shaker-System. Die Idee dahinter: ein raumübergreifendes Konzept für das ganze Haus. Eine an der Wand befestigte, lederbezogene Hängestange bildet den Ausgangspunkt für eine Accessoire-Tour durch das gesamte Haus. Im Wohnzimmer können etwa Wolldecken, Zeitschriftenriemen oder ein Spiegeltablett angehängt werden. Im Flur wird die Stange mit Einkaufstasche, Schlüsselband und Basecap bestückt. Insgesamt umfasst die Kollektion 26 Artikel für den gesamten Haushalt in jeweils 4 Farbtönen. 

Wer bin ich?  

Entwarnung, wir stecken nicht in einer Sinnkrise. Beim diesjährigen Kaleidoscope Manifesto Kultur-Festival dient die Frage lediglich als Grundlage für das kreative Schaffen: Was macht uns aus? Und wie wird sich die Zukunft von der Vergangenheit unterscheiden? Insbesondere nach zwei Jahren der Zwangspause sind dies für die Veranstalter – das Kulturmagazin Kaleidoscope und GOAT, eine Onlineplattform für Sneaker und Luxusmode – naheliegende Fragen. Kreative aus Mode, Kunst, Architektur, Musik und Film fanden die Antworten zwischen Futurismus und Tradition. Die Ergebnisse sind vom 25- 28. Juni in Form von Installationen, Workshops und Performances im Pariser Espace Niemeyer zu sehen.

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Kleines Karo, ganz groß

Quaderna bedeutet „Heft“ auf italienisch, und wie die Seiten einer Rechenkladde sieht der Tisch gleichen Namens auch aus. Das Karomuster seiner Rundum-Beschichtung aus Laminat stimmt genau mit seinen Ecken und Kanten überein, so dass sie geradezu verschwinden. Genau darum ging es der Gruppe Superstudio aus Mailand, die den Tisch der 1970er entwarf: Ein Möbel, das sich quasi im Raum auflöst. Solche Experimente waren typisch für das so genannte „Radical Design“, das damals die Szene der Gestalter aufrüttelte. Der Tisch ist eine Superikone, die Zanotta seit 50 Jahren herstellt. Der Geburtstag wird mit zwei neuen, zuvor nie produzierten Varianten – einem Schreibtisch und einem Coffeetable – gefeiert – und einem Wollteppich, der das Muster aufnimmt. Sieht alles präzise, aber nie kleinlich aus. Kein Wunder. Die Vorlage des Musters wurde frei von Hand (!) gezeichnet. Zanotta.it

PRADA TESTIMONIALS

Jaehyun & Song Kang

Prada auf Papier

Was braucht man so als Mann in seinem Kleiderschrank? Vermutlich ein Hemd, bestimmt eine Jeans, vielleicht auch ein Sakko. Eine Lederjacke wäre nicht schlecht, für die Mutigen die passenden Shorts dazu, für die Entspannten einen Ringelpulli und für alle einen schwarzen Anzug. Solche Sachen stellt die Branche in Massen her, doch Prada besteht mit seiner neuesten Männerkollektion für den nächsten Frühling darauf, das auch die klassischsten Basics nicht von irgendwoher kommen sollten. Der Mann soll gezielt auswählen, und sich dabei natürlich nach seinem eigenen Typ richten: Der Mix aus Büroensembles, Lederoutfits und Schuljungen-Looks machte auf dem Laufsteg mehr Sinn, als man es zunächst vermuten würde. Das gesamte Set, das an das Interieur eines Hauses erinnerte, bestand übrigens aus Papier, ebenso ein Mantel, der zur Einladung mitgeschickt wurde. Hinter einer alltäglichen Fassade steckt oft mehr, als man denkt. Bei Prada erst recht. Silvia Ihring

Bilder: Getty Images

Prada Men SS23 in Mailand

Wait for it… 

Auf die Schnelle geht derzeit wenig. Durchhaltevermögen war auch in der Welt der Art Cars gefragt. Bereits im März enthüllte man den von Streetwear Designer Sean Wotherspoon gestalteten Porsche „Taycan 4 Cross Turismo“ auf dem South by Southwest Festival in Texas. Die extrovertierte Colorblocking Lackierung weckte sofort die Frage: Wie sieht der Wagen wohl von innen aus? Doch das bleib ein Geheimnis – bis jetzt! Die bunte Außenlackierung setzt sich im Interieur fort. Zum Einsatz kamen außerdem Wotherspoons Signature-Materialien Kork und eine Kordsamt-Verkleidung an Dachhimmel und Sonnenblenden. Die Krönung? Die Innenausstattung ist komplett vegan und Lederfrei.

Trostspender

Wie die Umarmung eines Teddys: So fühlt es sich an, auf dem Sessel „Nana“ von Hanne Wellmann zu sitzen, Die Berliner Designerin hatte 2021 für Freifrau schon einen Stuhl gleichen Namens entworfen. Seine gerundete Sitzfläche, Rücken – und Armlehnen sind von Wolken inspiriert- und genauso sitzt man auch darauf. Der Sessel, eine Couch und ein Pouf, die jetzt dazu gekommen sind, haben ähnliche Formen, doch statt des schwebend leichten Eindrucks steht jetzt das Weiche, fast Voluminöse im Vordergrund. Es verspricht Geborgenheit und weckt Kindheitserinnerungen – ein Trostmöbel, für alle, die sich gerade die Knie aufgeschlagen haben. Was will man mehr von einem Sessel? freifrau.com, hannewillmann.com

„Chant“ ausgestellt in Mailand
„Requiem Globe“
„Requiem“
Nahaufnahme der Lichtinstallation „Vesper“
„Panntheum“
„Hail“ ebenfalls in Mailand zu sehen

Erleuchtung garantiert  

Lee Broom spürte göttliche Inspiration und machte daraus Leuchten, die auch auf Erden gut aussehen.

Bevor Lee Broom einer der angesagtesten Möbel- und Interiordesigner Englands wurde, hat er eine Schauspielschule besucht, bei Vivienne Westwood gearbeitet und Mode studiert. Anders gesagt: Von Inszenierungen versteht er was. Mal baut er aus Leuchten einen zwei Geschosse hohen Weihnachtsbaum, mal präsentiert er seine Entwürfe auf einem schneeweißen Kinderkarussell – und auf den Modellen seiner Stuhlkollektion ließ er ein Streichorchester eine Haydn-Symphonie spielen, von Spots dramatisch beleuchtet. Im Mailand ging es jetzt göttlich zu.

„Divine Inspiration“ nannte er die Installation, in der er sechs neue Leuchtenkollektionen zeigt und dafür aus schnöden Galerie – Sakralräume machte, inklusive bunter Folie auf den Fenstern, als wäre man in der Kirche. Die Leuchten selbst sind, wie oft bei Brooms Entwürfen, eher schlicht, variieren auf subtile Art klare geometrische Formen – und könnten so auch in einer dieser leicht exzentrisch skulpturalen Kirchen hängen, die nach dem Krieg wie Pilze aus dem Boden schossen, in Deutschland zumindest. Dass dazu aber eher meditative Ambiance-Musik lief und sein Team weiße Gewänder trug wie das Personal eines Achtsamkeits-Retreats, wirkte dagegen seltsam unentschlossen. Aber die Leuchten, soviel ist klar, werden sich auch im Wohnzimmer oder in Hotelfoyers gut machen. Der Mann ist in jeder Hinsicht Profi. Gabriele Thiels

Fotografiert von Luke Hayes und Arthur Woodcroft

Hermès präsentiert vier skulpturale Figuren aus Holz und Papierbögen. Inspiriert von Wassertürmen, erinnern die lichtdurchfluteten Installationen jedoch eher an Lampions und sollen so Monumentalität und Leichtigkeit vereinen. Unbeschwert gehts im Inneren weiter: Leichte Materialien und simple Formen bestimmen auch das Design der neuen Home-Kollektion mit Möbeln, Accessoires und Textilien.

Zurück in die Zukunft

Mut und Innovationsgeist gehören zu Alessi wie die bekannte „Juicy Salif“ Zitronenpresse. Passend also, das 100-jährige Bestehen der Designfabrik nicht nur mit einer Retrospektive, sondern auch mit einem Blick in die Zukunft zu feiern. Auf der Milan Design Week wurde dafür die Wanderausstellung „Alessi 100-001“ eröffnet. Der erste Teil – die 100 des Titels – erforscht die Vergangenheit und veranschaulicht in zwölf kreativen Räumen die Unternehmensphilosophie. Der zweite Teil der Ausstellung – die 001 – offenbart das erste Projekt im neuen Jahrhundert: In Zusammenarbeit mit dem verstorbenen Designer Virgil Abloh entstand ein durch Karabiner verbundenes Besteck-Set, präsentiert in einer Installation, die von der geometrischen Natur in Computerspielen inspiriert ist. Ein Instagram-Filter ermöglicht dank Green-Screen-Technologie, digital in die Installation einzutauchen und stimmt auf die Zukunft ein. 

Sie führen das Unternehmen, indem sie dem Bauchgefühl vertrauen statt Richtlinien und Trends, Designern Carte blanche geben statt Vorgaben zu machen: Pulpo. Erstmalig zeigen sie ihre Entwürfe in der Innenstadt und verwandeln eine ehemalige Bank in einen Super-Showroom. Die Pulpo L.O.V.E. Bank noch bis Sonntag in der Via S. Vittore Al Teatro, 5, Milan

 

Ein Garten in Mailand

Flexform eröffnet seinen ersten Showroom in der Designmetropole Mailand. Der Duft von Olivenbäumen, Rosmarin und ein Hauch von Strandhafer liegt in der Luft, der Raum ist weit, hoch und hell und die Sofas sind zeitlos schön, weich und wirken auf elegante Art entspannt: Flexform ist in Mailand vor Anker gegangen. Die Marke aus dem nahen Meda hat mitten in Zentrum, im Designviertel Brera, einen Showroom eröffnet; mit 800 Quadratmeter Fläche und extragroßen Fenstern, durch die Stadt hinein- und sie teilhaben lassen an dem üppigen mediterranen Grün, das hier in XL-Kübeln den Raum strukturiert. Es ist, als blickte man in einen der vielen privaten Parks und Gärten, die sich in Mailand sonst meist hinter hohen Toren verborgen halten.

Die Innenarchitektur – ein einziger großer Raum, in dessen Mitte eine Galerie eingestellt wurde entwarf ACPV ARCHITECTS, das Antonio Citterio mit Patricia Viel führt. Der Architekt und Designer prägt die Flexform-Kollektion seit fast 50 Jahren, und Neuheiten und Klassiker, Outdoor- und Indoormöbel werden hier, zu lockeren Gruppen arrangiert, zusammen präsentiert: das ultra lässige Sofa „Ambroeus“ etwa, bei dem große Kissen in ein lederbezogenes Stahlgestell gesteckt werden,  oder die neue Outrdoorfamilie „Carmargue“, deren Metallgestell einen Hauch Retrostimmung verströmt und eine Paravent mit einem Geflecht aus Seegrasschnur, das nach Urlaub duftet: Drinnen und draußen verschmelzen. Man fühlt sich wie in der Sommerfrische. Gabriele Thiels

Rad, und ab

Es braucht nicht viel, um bei schönem Wetter draußen glücklich zu sein. Wobei: So ein Tod’s-Fahrrad wäre schon nicht schlecht. Diese Woche wird das „Tod’s T Bike“, das in Zusammenarbeit mit dem italienischen Fahrradspezialisten Colnago entstanden ist, auf dem Salone del Mobile in Mailand ausgestellt, ab dem 13.6. kann man es vorbestellen. Wer eines besitzen möchte, sollte, sinnbildlich gesprochen, hart in die Pedale treten: Das grüne Bike mit orangefarbenen Ledereinsätzen ist auf 70 Stück limitiert. Von den neuen limitierten Editionen der bekannten Tod’s-Tab-Sneaker und des Windbreakers, die ebenfalls auf der Messe vorgestellt werden, wird es aber mehr geben. Und die sehen garantiert auch auf anderen Fahrrädern gut aus.

 

KLICK UND KUNST

„Ich mag mein Geld am liebsten dort, wo ich es sehen kann“, sagte Carrie Bradshaw einst über ihren luxuriös gefüllten Kleiderschrank. Dass aber Mode nicht die einzige Investition sein muss, beweist Net-A-Porter mit seinem neuesten Channel. Ab 6. Juni verkauft der Luxus-Online-Shop auch zeitgenössische Kunst. Den Anfang macht kein Geringerer als Modefotograf Guy Bourdin: zehn gerahmte Fotografien des Parisers werden verkauft, unter anderem Werke, die er für Chanel, Charles Jourdan und Vogue geschossen hat. Und die zukünftigen Stücke? Werden in Kooperation mit der Plattform für Kunst und E-Commerce AP8 ausgewählt.

© The Guy Bourdin Estate 2022

Bitte eintauchen!

Einfach mal blaumachen. Das kommt Designer Simon Porte Jacquemus nur wörtlich genommen in den Sinn. Nachdem sein „24/24“ Pop-up-Konzept mit rund um die Uhr geöffneten Verkaufsautomaten in Paris und Mailand erfolgreich gestartet ist, zieht ihn die Zusammenarbeit mit dem Kaufhaus Selfridges nun nach London. Angelehnt an die vom Wasser inspirierte „Le Splash“-Kollektion sind sowohl der 24/24 Pop-up auf der Rückseite des Kaufhauses, als auch der neue Selfridges Corner Shop komplett in Blau gestaltet. Im Old Selfridges Hotel gibt außerdem eine Installation zu sehen, die von Umkleidekabinen in Schwimmbädern inspiriert ist. Nostalgie inklusive.

Credit: Jacquemus/Selfridges

Fotograf: Lewis Ronald

Ein Like für kritische Kunst

Berühmt wurde die taiwanesische Künstlerin mit ihrer Serie von Selbstporträts auf Flugzeugtoiletten, bei der sie Teile ihres Körpers mit Klodeckeln bedeckte. Auf Instagram folgen der gesellschaftskritischen Kunst von John Yuyi mittlerweile mehr als 223.000 Fans, denn besonders mit ihren temporären Tattoos stellt die 31-Jährige immer wieder in Frage, wie Frauen und ihre Körper im Internet dargestellt und kommerzialisiert werden. Nun sind ihre Werke auch offline zu bewundern. Von 10. Juni bis 27. August 2022 in der Züricher Christophe Guye Galerie.

Credit: John Yuni / Christopher Guye Galerie