Thema Mode

Wo liegt die Zukunft der Kreativität? Für Jonathan Anderson liegt die Antwort in der Zusammenarbeit mit Künstlern, die er bewundert und am meisten respektiert. Für die neue FW 2021 Kollektion von JW Anderson tauchte er in einen Ideenaustausch mit der Keramikerin Dame Magdalene Odundo und der Künstlerin Shawanda Corbett ein. Die Formen ihrer Stücke und ihr Fokus auf den Körper inspirierten zu einer Kollektion, die einen furchtlosen Umgang mit Volumen und Stoffen widerspiegelt. Sowohl die Kleider als auch die Künstler wurden von Juergen Teller fotografiert.

Leises Theater

Im vergangenen Jahr verleitete die Pandemie Pierpaolo Piccioli dazu, seine Valentino-Schauen in Mailand zu veranstalten anstatt in Paris. Reisen gestaltet sich derzeit eben schwierig, doch von kreativem Stillstand kann im Hause Valentino keine Rede sein: Die virtuellen Schauen des Labels gehörten bisher stets zu den Highlights der Modewochen im Pandemie-Zeitalter.

Die neueste für die Herbst- und Winter-Saison 2021 ist da keine Ausnahme, auch wenn sie ihren Zauber auf subtilere Art entfaltete als ihre Vorgänger. Im Mailänder Piccolo Teatro trat die britische Sängerin Cosima vor leeren Sitzreihen auf, während Models um sie herum über die Bühne liefen. Die klare Stimme, untermalt von der Musik des Mailänder Symphonieorchesters Giuseppe Verdi, passte ebenso gut zur Kollektion wie der schlichte Theater-Saal: Der Fokus lag auf Einzelteilen in schwarz und weiß, das farbliche Einerlei aufgebrochen durch grafische Muster und Cut-Outs, die Silhouetten definiert durch den Kontrast zwischen strukturierten Capes und fließenden transparenten Kleidern. Eine Kollektion, die völlig ohne laute Töne auskommt und deren Kraft dafür umso länger nachhallt. Silvia Ihring

Mode und Maschine 

Die Roboter sind unter uns – und sie tragen Dolce & Gabbana. Anlässlich der neuen Damenkollektion für Fall Winter 2021 hat das Label mit dem Istituto Italiano di Tecnologia (IIT) kooperiert und eines seiner außergewöhnlichsten Projekte auf den Laufsteg geholt: iCub und R1, zwei multifunktionelle humanoide Roboter, die im Rahmen der Forschung des IIT zu Künstlicher Intelligenz und Roboterassistenz entwickelt wurden.

Ebenso viel Neugierde für die Zukunft beweist die Kollektion selbst, mit einem Fokus auf metallische Materialien, extreme Volumen und aufwendige Applikationen. In die Vergangenheit blickt sie aber auch: Die Supermodels der 90er-Jahre dienten ebenfalls als Inspiration.

„It is incredible to think how man’s cleverness and determination can give life to new forms of intelligence, which can learn from their own experience and be deployed in the medical, environmental and social fields. Fashion has always been the result of the confluence of worlds that can be very far from each other: if technology is truly serving the man, his needs and his passions, then a craftsman and a robot will be able to coexist.“ 

 Domenico Dolce and Stefano Gabbana

Die Zukunft beginnt jetzt

Eine Skyline wie aus einem Science-Fiction-Film. Ein Interieur wie eine elegant eingerichtete Raumstation. Models, wie Jetsetter auf Dauerreise zwischen Gegenwart und Zukunft. Die neue Kollektion von Salvatore Ferragamo ist inspiriert von einer Welt, die noch kommen wird. Er wolle “die Gegenwart durch das Prisma der Zukunft betrachten”, sagt Chefdesigner Paul Andrew, der als visuelle Referenzen Filme wie “Matrix” und “Gattaca” nennt. Was seine eigenen Filmhelden tragen: strenge, militärisch anmutende Hosenanzüge, superenge Rollkragentops, lange Mohairpullover, Lederteile, die an Taucherausstattungen erinnern, Kleider aus Polyester, das komplett aus recyceltem Material besteht. In Andrews Vision treffen “Diversität und Optimismus aufeinander, um die Welt zum Besseren zu verändern.”

Paisley mal anders

Für ihre neue Etro-Kollektion wich Veronica Etro von gewohnten Romantik-Pfaden ab und wagte sich an Kleidungsstücke, die in ihrem Repertoire sonst selten vorkommen: Baggy-Hosen, Bomberjacken, T-Shirts und Hoodies. Ihrer Musterliebe bleibt sie aber treu. Ein Glück: Der Mix aus maskulinen Schnitten und Paisley-Patchwork sieht ziemlich gut aus. 

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Sie ist in St. Moritz aufgewachsen, er in Vancouver. Die Naturverbundenheit von Lucie und Luke Meier sitzt tief. Mit ihrer feinsinnigen Bodenständigkeit hat das Designer-Ehepaar seit 2017 aus Jil Sander wieder eine starke Marke gemacht. Diese Sommer-Kampagne wurde von Tim Elkaïm in Biarritz, Frankreich aufgenommen. Wir spüren das Wasser. Die Tage und Nächte am Meer, die darauf warten, zu surfen, zu schwimmen, sich zu sonnen, am Strand zu liegen, nichts zu tun.

Kontrastreiche Freiheit

Die Zusammenarbeit von Miuccia Prada und Raf Simons steht auch für das Zusammentreffen von Gegensätzen. Rebellische Eleganz gegen jugendliche Lässigkeit, Mailänder Eklektizismus gegen belgische Avantgarde. Und: Weiblichkeit gegen Männlichkeit. Letztere Eigenschaften sind jedoch, so die Botschaft der neuen Prada-Kollektion für den Herbst 2021, keine Gegner, sie koexistieren in jedem Menschen und es ist die Balance aus beiden, die innere Harmonie schafft.

Raf Simons und Miuccia Prada wollen diese Balance in ihren Kollektionen finden und tun dafür das, was sie am besten können: Grenzen überschreiten. Über hautengen gemusterten Catsuits aus gestricktem Jacquard trugen die Models Kostüme, Hosenanzüge, Westen-ähnliche Kleider und hoch geknöpfte Blusen. Opera Coats mit voluminösen Ärmeln kontrastieren mit übergroßen Bomberjacken und Plateau-Stiefel à la David Bowie suggerieren die Androgynität, die entsteht, wenn das Weibliche und das Männliche ineinanderfließen. Der starke Fokus auf texturreiche Materialien – Faux-Fur, Paillettenstickereien, Jacquards und Re-Nylon – spiegelte sich auch in der von Rem Koolhaas konzipierten Kulisse wider: die Models liefen durch eine Galerie aus Kunstpelz und Marmor, ein Raum, in dem gegensätzliche Materialien eine Einheit werden.  Silvia Ihring

In the mood for Pop

Mit seiner neuen Kollektion für Emporio Armani blickt Giorgio Armani auf den eklektischen Stil der 80er-Jahre zurück – und modernisiert den Look einer Dekade, die er selbst maßgeblich mitgeprägt hat.  

Fokus auf Fendi

Kim Jones‘ Debüt als Fendi-Chefdesigner während der Haute Couture-Schauen im Januar war alles andere als zurückhaltend: atemberaubende Kulisse, Superstar-Models wie Demi Moore und Kate Moss, aufwendige Kleider, inspiriert von einem Potpourri aus literarischen wie historischen Referenzen. Die Show erntete viel (verdienten) Applaus, doch für seine erste Ready-to-Wear-Kollektion für das Haus möchte man Jones fast noch mehr gratulieren.

Anstatt sich in einem Theater aus filmischen Spezialeffekten und VIP-Namen zu verlieren, dass sich eine Marke wie Fendi natürlich leisten kann, konzentrierte er sich auf die Kleider. „Echte Kleider“, wie er in einem Interview mit „Women`s Wear Daily“ erzählt, die Frauen tragen und kaufen wollen. Frauen wie Jones‘ Freundinnen, mit denen er sich in Vorbereitung auf seine Arbeit für Fendi häufig austauschte. So ziemlich alles, was er nun unter dem Fendi-Namen anbietet, werden diese haben wollen. Die Camel-Mäntel, die wehenden Satinkleider, die Ensembles aus bauchfreien Tops und engen Pencil Skirts, die Gliederketten mit FF-Logo. Alles ist tragbar, nichts ist austauschbar. Mit Respekt und Feingefühl hat Jones, den man eigentlich als Streetwear- und Männer-Experten kennt, die sehr elegante und feminine Fendi-Welt für die moderne, Lockdown-müde Luxuskundin aufgefrischt. Die kann es kaum erwarten, in hohen Stiefeln und Wildleder-Trench ein Restaurant zu betreten. Im Herbst, wenn Jones‘ neue  Kollektion im Handel erscheint, werden ihr diese Bühnen des Lebens hoffentlich wieder offen stehen. Silvia Ihring 

Missoni 2021

In Zusammenarbeit mit dem Regisseur Lorenzo Gironi präsentiert Missoni die Kollektionen eines ganzen Jahres, vom Frühling bis zum Winter, mit einem Musikvideo: Ein sorgloser Tag einer Gruppe junger Frauen Ende 2021. Es ist eine Feier der Rückkehr zu einem normalen sozialen Leben in einer Welt, in der alle etablierten Regeln in Frage gestellt werden.

Another reason to be optimistic for a better future in fashion. For the first time since the death of its founder in 2017 the Maison of Azzedine Alaïa has announced the appointment of a new Creative Director:

Pieter Mulier

He has worked for years as Raf Simons right hand, first at his own brand, then at Jil Sander as well as at Dior and Calvin Klein, where he worked mostly behind the scenes but always in a crucial role. Now he steps into the spotlight at one of the most unique fashion houses of the industry. His first collection will be SS 2022. 

Valextra

Fendi Couture

Freund der Familie  

Mit seiner ersten Kollektion für Fendi durfte der neue Chefdesigner Kim Jones gleich mehrere Debüts geben: Zum ersten Mal entwirft er für Frauen, zum ersten Mal Haute Couture. Klingt nach Druck, aber Jones hält dem Stand. Männermode für Louis Vuitton und Dior Homme zu entwerfen hat ihn schließlich hierher gebracht. Dass sich seine erste Fendi-Kollektion um die Geschichte der Bloomsbury Group drehte, der freien, auf Konventionen pfeifenden Künstler-Clique rund um Virginia Woolf, kann man aber wohl auch als Handkuss an seine britische Heimat verstehen. Das Charleston House in Sussex, Heimat der Bloomsburys, liegt schließlich nicht weit entfernt von dem Ort, an dem Jones aufwuchs.

Die Kollektion, vorgeführt von so fantastischen Frauen wie Demi Moore oder Kate Moss, vereinte die Symbolik aus dem Umfeld und dem Werk der Bloomsbury Group – allem voran Woolfs “Orlando” – mit typisch römischen Insignien. Der Marmor aus der Galleria Borghese inspirierte die Muster auf Jacquards und Seide, Woolfs Bücher inspirierten die Handtaschen, Malereien aus Charleston House die Stickereien auf den Abendkleidern. Die fielen vor allem durch kunstvoll geschnittene Schulterpartien auf, verschmolzen mit halben Blazern zu Jacke-und-Kleid-Hybriden. Die oft speziellen Formen, das Spiel mit dramatischen Capes, Ausschnitten und Motiven zeigt, dass Jones Freude daran hat, sich neu auszudrücken. Sicher auch, weil er nun von so tollen Frauen umgeben ist: Die Töchter von Silvia Fendi Delfina Delettrez und Leonetta Fendi liefen als Models in der Show. Jones feiert mit dieser Kollektion nicht nur seinen neuen Job, sondern auch seine neue Familie. Silvia Ihring 

“Vain trifles as they seem,
clothes have, they say,
more important offices than
to merely keep us warm.
They change our view
of the world and
the world’s view of us.”

 Virginia Woolf, Orlando

Der Valentino-Code

Haute Couture ist ein komplexes Handwerk. Umso mehr beeindruckt es, wenn eine Kollektion so einfach aussieht, dass die Kunst und der Aufwand dahinter erst beim näheren Hinsehen auffallen. Die Werte bleiben die gleichen, aber wie sie interpretiert werden entwickelt sich weiter. So könnte man Pierpaolo Picciolis neue Kollektion „Code Temporal“ für Valentino zusammenfassen. Selten sah Haute Couture so lebensnah und dabei so wertvoll aus.

Im Palazzo Colonna in Rom führten Models Looks vor, die aus simplen Einzelteilen zusammengestellt waren: Capes, Rollkragenpullover, Bermudas, Mäntel Hemden oder Röcke. Wirklich simpel war an ihnen in Wahrheit nichts: 250 Kaschmirrosen hatte man auf einen Mantel gestickt, 24 Kilo Pailletten funkelten am finalen Abendkleid. Darüber hinaus besteht die Kollektion aus etwas, das man „Haute Couture-Basics“ nennen könnte: Schlichte Wollhosen, ein Rollkragentop aus Seide, ein Hemd aus Popeline, getragen von Frauen wie Männern, Beispiele dafür, wie die Haute Couture der Zukunft auszusehen hat: persönlich, menschlich, zeitlos. Silvia Ihring

Backstage Images: Details, accessories and first looks :André Lucat

Mein Mailand

„Omaggio a Milano“ – als eine Hommage an Mailand bezeichnet Giorgio Armani seine neueste Haute Couture-Kollektion. Zum ersten Mal veranstaltete der Designer die Schau von Armani Privé nicht in Paris, sondern in seiner Heimatstadt, im Palazzo Orsini, wo die Kollektionen traditionell gefertigt werden. Das Glück der Heimkehr muss Armani vorerst ohne Pubikum genießen – die Schau fand nur virtuell statt.

Vor verschlossenen Türen, aber vor einer nicht minder pompösen Kulisse, führten die Models die Kollektion vor. Die Linie ist schmal und durch spitze Jackenschultern oder Fellelemente akzentuiert. Mit Blumen bestickte Chiffonblusen werden offen zu schimmernden Jumpsuits getragen, und zarte Bustierkleider sind mit trasparenten Tüllcapes umhüllt. Klassische Abendroben mit ausladenden Röcken in typischem Armani-Blau und auffälligem rot beschließen diese Liebeserklärung an die italienische Stadt der Mode.

Giorgio Armani Privé 

Mr. Armani said: “Couture is rooted in fashion history. It represents the pinnacle of creativity and sartorial skill, but is a world available only to very few. Today, through the democracy of the internet, we are able to offer a front row seat to everyone.”

GIORGIO ARMANI PRIVÉ

Chanel Haute Couture. Fotografiert von Anton Corbijn.

Bestes Tüll-Theater

Irgendwo auf der Welt werden wieder grandiose Feste gefeiert, für die Frauen grandiose Ballkleider benötigen. Für eben diese Frauen entwirft Giambattista Valli. Seine neuen Haute-Couture-Entwürfe suggerieren, dass es durchaus weiterhin Nachfrage gibt nach extravaganter Mode für besondere Anlässe. Die potenziellen Kundinnen müssen das Angebot jedoch anstatt am Rande eines Laufstegs am Bildschirm sichten. Auch da macht Vallis Kollektion viel her: Voluminöse Roben aus mehreren Tüllschichten, Ärmel, aus denen Straußenfedern wie kleine Sträuße hervorsprießen, Minikleider, die von bodenlangen Umhängen begleitet werden. Die Farben sind rot, rosa, gelb oder elegantes schwarz und weiß, im Film zur Kollektion werden die skulpturalen Silhouetten Gebäuden aus Sevilla gegenübergestellt. Die Idee: Auch diese Kleider sind ein Stück architektonische Kunst. Man beneidet jene, die sie derzeit ausführen dürfen.