Thema Mode

Immer der Nase nach

Was den Augen verborgen bleibt, entgeht der Nase nicht. Eng verwoben mit Erinnerungen sind es Düfte, die Reisen an vergangene oder weit entfernte Orte ermöglichen. Bei Balenciaga wählte man eine Duftkerze in einer kleinen, runden Silberdose als Transportkapsel in die eigene Vergangenheit. Für das Couture Comeback des Labels im vergangenen Jahr ließ Creative Director Demna Moleküle aus den Wänden des ehemaligen Balenciaga Couture Stores extrahieren und mit persönlichen Stücken von Cristóbal Balenciaga in einem Duft zusammenbringen. Die Komposition aus unter anderem Tabakrauch, altem Papier, Leder, Wolle und dem geölten Metall der Nähmaschinen kehrt nun – zur Wiedereröffnung des alten Couture Stores – in Form dieser Kerzen zurück. Gemeinsam mit Porzellanfiguren zu den Looks aus Demnas erster Couture Show und weiteren Accessoires ist sie im Pariser Couture Store erhältlich. 

 

Modischer Liebesbrief

Bühne frei – Nachdem Jean Paul Gaultier vor zwei Jahren seine letzte eigene Haute Couture Show präsentierte, überlässt er seither seinen Designer-Kollegen die Bühne. In dieser Saison erschuf Oliver Rousteing, Creative Director von Balmain, eine Hommage an die Design-Geschichte Gaultiers: In Anlehnung an seinen Anspruch, Geschlechtsrollen zu überwinden wird die Show – für Haute Couture ungewöhnlich – von Männern eröffnet. Inspiriert von der Tattoo-Kollektion von 1994 tragen sie bunt gemusterte Gewänder mit Denim-Elementen, auffälligem Schmuck und Piercings. Es folgen plastische, den Körper nachahmende oder freizügige Mieder und Korsetts, die an die Looks von Gaultier für Madonna erinnern. Sogar die Flakons der Gaultier-Düfte tauchen als High Heel Absatz wieder auf. Auf Instagram schwärmt Rousteing weiter: „Du warst schon immer eine Inspiration für mich. Mir die Schlüssel für ein paar Monate zu geben, um zu zeigen, was ich kann, war einfach ein Segen in meinem Leben. Danke für dein Vertrauen, deinen Respekt und deine Vision.“

ÜBERRASCHUNG!

Dua Lipa, Naomi Campbell, Nicole Kidman und Kim Kardashian: Bei Balenciaga geht es nicht nur um die hohe Schneiderkunst der Haute Couture, sondern offensichtlich auch um die höchste VIP-Klasse der Models. Denn Kreativdirektor Demna Gvasalia hat stets ein Gesamtkunstwerk im Kopf. Diese bekannten Namen stehen im Kontrast zu der erneuten Gesichtslosigkeit auf dem Balenciaga-Laufsteg. Bei seiner Fashion-Show in der New Yorker Börse wurden dafür noch Ganzkörperanzüge getragen. In Paris ist nun ein Helm für die Hälfte der Models obligatorisch. Dazu übergroße Denimanzüge, hautenge schwarze Anzüge, Fellmäntel mit avantgardistischen Krägen. Als die Roben und Männernanzüge zum Ende der Show eleganter werden, werden die Masken gelüftet. Denn Gvasalia provoziert die bisherigen Reglements der Branche. Auch, weil seine ausladende Röcken kaum durch die schmalen Gänge und Türen des Laufsteg-Sets passen und für ungewöhnliche Momente in der sonst so minutiös geplanten Haute Couture-Welt sorgen. Zum anderen, weil Balenciaga einen Couture-Shop eröffnen wird, in dem die Roben erstmals direkt zu kaufen sein werden.

GLITTER-GEWITTER

Um diese gewisse Raffinesse und Verführung einzufangen, die er heute vermisst, hat sich Giorgio Armani für seine Haute Couture-Kollektion von den Nachtclubs der 1920er- und 30er Jahre inspirieren lassen. „Petillant“ – zu Deutsch funkelnd – war der Name, den Giorgio Armani für seine Armani Privé-Stücke fand. In einer Kulisse, die an einen Cabaret-Club mit Bänken und kleinen Tischlampen erinnerte, hat er die glamouröse, kurze Zeit zwischen den Kriegen ins Heute übersetzt, und zeigte schwarz-weißen Trompe-l’oeil-Muster mit Perlen bis hin zu mitternachtsblauen, blumenbesprenkelten Pailletten. Dazu halbdurchsichtige Perlenpullover, getragen zu makellos geschnittenen, weitbeinigen Herrenhosen. Am Ende gab es Standing Ovations für Armani, die man sonst bei der gediegenen Haute Couture-Atmosphäre vermisst.

Traumhaft surreal

Sie hat es wieder getan. Kreativdirektorin Virginie Viard arbeitete erneut mit dem Künstler Xavier Veilhan zusammen, um die Szenerie für die Haute Couture Show von Chanel zu erschaffen, welche die Grenzen zwischen Realität und virtuellen Welten verschwimmen lässt. Um zum Laufsteg zu gelangen, wurden die Gäste durch einen Labyrinthweg vorbei an illusorischen Mobile geführt. Auf dem Laufsteg zelebrierte Viard einen Cowboy-Vibe – passend zur Pferderennbahn, auf die sie geladen hatte – mit einer Kombination aus dem legendären Chanel-Boucléstoff, wadenlangen Röcken, geblümten Chiffonkleidern.

In eine andere Welt transportierte auch der zugehörige Film zur Show, dessen Regie ebenfalls Veilhan verantwortete. Überlebensgroße Figuren eines Hais, eines Welpen und eines Oldtimers wechseln sich ab. Musiker Sebastian Tellier klimpert auf einer riesigen Gitarre, mit dabei sind Model Vivienne Rohner und Charlotte Casiraghi, die Botschafterinnen des Hauses. Ein wenig Chanel für alle, die von zu Hause in die traumhafte Haute Couture-Welt eintauchen möchten.

CHANEL

Haute Couture FW 22/23

Maria Grazia Chiuri

über die Dior Haute Couture Show

Pic Adrien Dirand

FOLKLORE TRIFFT EMOTIONEN

Im Mittelpunkt steht der Baum des Lebens, den Maria Grazia Chiuri für die Haute Couture-Show von Dior als zentrales Element ihres Défilés gewählt hat. Die ukrainische Künstlerin Olesia Trofymenko, die an der Universtität der Künste in Kiew studierte, entwarf das Bühnenbild der Show, das mit bestickten Blumenbouquets an den Wänden für Weiblichkeit und eine vielversprechende Zukunft steht. Zusammen mit der Kollektion lädt dieser Ort zu einem offenen Dialog über Traditionen, Kunst und Revolution ein.

Die Looks sind an Folklore-Kleider und Trachten angelehnt, meist in sanften Beigetönen oder zurückhaltendem Schwarz, mit eleganten Spitzenstickereien und Miedern, die auf leichte Chiffonstoffe treffen. Die Kollektion ist nicht nur ein Blick in die Vergangenheit unterschiedlicher Kulturen, wie Maria Grazia Chiuri erklärt: „Der Baum des Lebens ist ein Aufruf, eine Warnung, Traditionen und Gesten wieder zum Vorschein zu bringen, die uns ein Gleichgewicht wiederfinden lassen – wenn auch nur für einen Moment.“

Darf’s ein wenig mehr sein?

Giambattista Valli feiert mit dieser Kollektion sein 10-jähriges Jubiläum auf dem Haute Couture-Laufsteg – mit extra viel Opulenz, Discoglitzer und die für ihn so typischen, endlos wirkenden Lagen an Stoff. „Die Couture-Häuser kleideten damals Großmütter ein. Ich zog es vor, eine neue Generation von Kundinnen, Stylisten und Prominenten anzusprechen“, sagt der Designer über die Valli-Girls gegenüber WWD, wie er seine Gefolgschaft nennt. Geadelt wurde seine Haute Couture-Debüt 2012 von Charlotte Casiraghi, die eines seiner Kleider bei einer royalen Hochzeit trug. Heute kleidet er Rihanna auf dem roten Teppich oder Zendaya bei den Oscars ein. Zeitgeist, Klasse und Opulenz vereint er bis heute in seinen überdimensionalen Roben. In Paris zeigte er seine neue Kollektion zu Electro-Beats und verspiegelte Seventies-Sonnenbrillen als obligatorisches Accessoire. Denn darum geht es bei Haute Couture doch: Immer einen Schritt weiterzugehen als die anderen. Gloria von Bronewski

FRONTROWING

Schiaparelli Haute Couture Show with Emma Watson, Hunter Schaefer, Natasha Lyonne, Rina Sawayama and Derek Blasberg

SCHOCKIERENDE ELEGANZ

„Luxusmode muss immer noch schockieren“, sagt Daniel Roseberry, Kreativdirektor von Schiaparelli bei der Eröffnung der großen Retrospektive der von Elsa Schiaparelli im Pariser Musée des Arts Decoratif. Diesem Versprechen ist er bei der Haute Couture-Show par excellence nachgekommen: opulente Fellärmel zu glitzernden Röcken, barbusige Roben oder Kleider aus Silberketten, die an eine Blumenrüstung erinnern. Elsa Schiaparelli wurde damit bekannt, dass sie den Surrealismus in den 1930er-Jahren in die Modewelt brachte. Und Roseberry? Übersetzt dieses Credo mit einem Fingerspitzengefühl für Provokation und Zeitgeist ins Jahr 2022. Nicht zuletzt dank der weißen Friedenstaube, die ein Model über den Laufsteg trägt.

Fotografiert von Pascal Le Segretain / Getty Images

HE’S BRINGING SEXY BACK

„Rough, aber elegant“, mit diesen Worten umreißt Pieter Mulier seine dritte Kollektion für Alaïa, die er in Paris präsentiert. Der belgische Modevisionär verarbeitet für die Resortkollektion 2023 ganze Kuhhäute zu Röcken, verwandelt Schafsfelle in ausgefranste Motorrad-Westen, Kaschmir zu Kapuzen-Cocktailkleidern und verziert ein schwarzes Kleid mit goldenen Metallringen. „Wie ein Collier für die Hüften“, sagt er nach der Show backstage.

„Bei einigen Entwürfe dachte ich an Astronauten“, so Mulier über die extravaganten, futuristischen Teile, die teilweise mit unfertigen Säumen überraschen. „Dennoch sollte es puristisch bleiben. Also habe ich die Show mit vier Looks eröffnet, die besonders simpel wirken“, sprach Mulier über die pastellfarbenen Designs aus drapierter Seide, die als Ode an den Stil des 2017 verstorbenen Azzedine Alaïa zu verstehen sind. Denn das Wickeln der Seidenschichten ist von der tunesischen Tradition inspiriert. Gloria von Bronewski

Blick in den Himmel

Sarah Burtons Männerkollektion für Spring/Summer 2023 hat die Transzendenz im Sinn: Schwarz, Weiß und gedeckte Rosa- und Blautöne bestimmen bei Alexander McQueen die Farbpalette, Symbole des Kosmos und des Nachthimmels waren nicht zu übersehen. Pailletten und Kristalle, die in Form von Kometen und astralen Mustern auf die Revers der Jacken gestickt wurden oder den kompletten Rücken eines Mantels zieren, entführt die Männermode in der kommenden Saison in den Nachthimmel. Aber was wäre eine McQueen-Kollektion ohne eine subversive Note? Strickjacken wurden an den Seiten kunstvoll aufgeschlitzt und mit silbernen Ringen wieder zusammengenäht. Accessoires wurden mit Metallösen durchstochen und sogar ein Harnisch mit Kristall wurde gesichtet. Wohin wir damit wollen? Ganz klar, hoch hinaus!

Max Mara

Resort SS23

Drama, Baby!

Die Max Mara Resort Kollektion 2023 huldigt dem Fado und einer Frau, die die moderne Geschichte Portugals geprägt hat: Natália Correia. Warum Lissabon? „Ganz einfach“, meint Kreativdirektor Ian Griffiths. „Weil noch kein anderes Modehaus auf die Idee kam, hier eine Resort-Kollektion zu zeigen.“ Und er machte seine Hausaufgaben, bereiste im Vorfeld die portugiesische Hauptstadt, stöberte durch Buchläden und fand seine Musen: Natália Correia, Lyrikerin, Societydame und Politikerin, die Portugal in den 70er und 80er Jahren in die Demokratie führte und die junge Fado-Sängerin Carminho. Correias provokant-erotischer Modestil und Carminhos poetische Musik geben seinen Entwürfen für Max Mara einen neuen sexy-dramatischen Twist. Zum ersten Mal wurde das Museum Calouste Gulbenkian zum Schauplatz einer Modenschau, wofür sich Max Mara mit der Restaurierung einiger Gemälde aus der berühmten Sammlung bedankt. Silke Bender 

Shoppen für den guten Zweck

Gemeinsam mit dem Konzept-Store Odeeh lädt das Ukrainische Label Litkovskaya zu einem Pop-Up Shop in der Münchner Innenstadt. 

 

 

Fun Styles

HA HA HA – Was gibt es da zu lachen? Fragt man Sänger Harry Styles und Guccis Creative Director Alessandro Michele, würde die Antwort wohl lauten: so Vieles! Schließlich ist der Titel der gemeinsamen Gucci HA HA HA Kollektion nicht nur von den Initialen beider Vornamen, sondern auch von dem Lachen inspiriert, das ihre Freundschaft ausmacht.

Angelehnt an die Looks des Sängers, entstand eine Kollektion, die mit den bekannten Codes von Maskulinität und Ästhetik bricht: Klassische Männermode wird durch voluminöse Schnitte, satte Farben, Muster und kindlich-spielerische Accessoires neu interpretiert. Und das ist nur der Anfang. Die kreative Symbiose von Gucci HA HA HA soll der Startschuss zu einer noch undefinierten, gemeinsamen Reise sein.  

Dries Van Noten, Spring Summer 23 Show der Männer

the sky is not the limit

Auf dem Dach einer Garage mit typisch Pariser Aussicht, präsentierte Dries Van Noten die Spring Summer 23 Kollektion der Männer. Stil trifft auf Straße. Und sie mögen sich gegenseitig.

Wer bin ich?  

Entwarnung, wir stecken nicht in einer Sinnkrise. Beim diesjährigen Kaleidoscope Manifesto Kultur-Festival dient die Frage lediglich als Grundlage für das kreative Schaffen: Was macht uns aus? Und wie wird sich die Zukunft von der Vergangenheit unterscheiden? Insbesondere nach zwei Jahren der Zwangspause sind dies für die Veranstalter – das Kulturmagazin Kaleidoscope und GOAT, eine Onlineplattform für Sneaker und Luxusmode – naheliegende Fragen. Kreative aus Mode, Kunst, Architektur, Musik und Film fanden die Antworten zwischen Futurismus und Tradition. Die Ergebnisse sind vom 25- 28. Juni in Form von Installationen, Workshops und Performances im Pariser Espace Niemeyer zu sehen.

Am Ende des Regenbogens

„Long Live Virgil“, rappte Kendrick Lamar live bei der jüngsten Louis-Vuitton-Männerschau in Paris. Niemand kann den verstorbenen Chefdesigner Virgil Abloh auf die Erde zurückholen, doch auf der finalen Abschiedsschau schien sein Geist so lebendig, präsent und einflussreich zu sein wie eh und je. Eine Marschkapelle läutete den Beginn der Schau ein, die auf einer leuchtend gelben Autorennbahn im der Cour Carée im Louvré stattfand.

Die Branche nimmt sich stets sehr ernst, doch Abloh vermochte es, sie mit Leichtigkeit, fast wie durch die Augen eines Kindes zu sehen – und eben diese Gabe spiegelten Schau und Kollektion wider. Taschen erinnerten an Spielzeughäuser, Scheren hingen an Sakkos, gigantische Edelweiß-Motive schmückten Mäntel und bunte Perlen baumelten an Mützen. Zum Schluss trugen die Models eine riesige Regenbogenflagge über den Laufsteg, die an den bunten Catwalk von Ablohs erster Show im Jahr 2018 erinnerte. Den Optimismus und die Lebensfreude, die die Farben damals ausdrückten, tragen sie noch heute in sich.

Louis Vuitton

SS23 Men

Was ist Realität und was ist Einbildung? Bei der SS23 Menswear Show Louis Vuittons verschwimmen die Grenzen.

Die Louis Vuitton Men SS23 Show in Paris