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Von Mann zu Mann

Das Haus Dior definiert sich sehr über seine Vergangenheit, aber es sind die Designer der Gegenwart, die das Erbe am Leben erhalten. Kim Jones tut dies bei Dior Men stets mit Bravour, doch diese Saison ist die neue Dior Men-Kollektion mehr denn je als ein Dialog zwischen zwei Männern konzipiert: Monsieur Dior und Kim Jones. Der eine revolutionierte vor 75 Jahren die Mode mit einem ultrafemininen “New Look”, der andere interpretiert diesen Erfolg in Männermode und bringt dabei seine eigenen Erfahrungen als Londoner und Tailoring-Experte ein.

Jones arbeitet sich mit Leidenschaft an der Dior-Ikonographie ab, da ist das berühmte zarte Grau, das Maiglöckchen-Motiv, das Leopardenmuster, die Bar-Silhouette für den Mann. Da sind Inspirationen aus der Haute Couture, aber da ist auch die Lässigkeit eines sportlichen Blousons, das Hemd, das aus dem Pulli hervorschaut und die Hype-taugliche Kooperation, die zum Standard-Repertoire von Jones gehört. Für diese Saison hat sich das Haus mit Birkenstock (jetzt Teil der LVMH Gruppe)  zusammengetan und eine Linie aus Pantoffeln entworfen. Die Mode hat ihre Codes und Traditionen. Doch erst derjenige, der über dieses Regelwerk hinauswagt, entdeckt die Möglichkeiten, die in ihr stecken. Silvia Ihring

Credit: Getty Images

DIOR

Dior Men FW 22

Sir Paul Smith im Interview mit Inga Griese

Engel auf Erden 

Seine Träume kannten keine Grenzen. „Louis Dreamhouse“ lautet der Name der jüngsten Louis Vuitton-Männershow, der letzten, die von Virgil Abloh entworfen und von seinem Team fertiggestellt wurde. Und so gewährte das Haus in Paris zum letzten Mal Eintritt in Ablohs Ideenwelt, ein Haus voller Überraschungen und versteckten Ecken, in dem das Unmögliche der Maßstab war und in dem schon immer jeder willkommen war. Abloh hat die Modebranche vielfältiger, neugieriger und offener gemacht, er wollte andere inspirieren und zum Träumen anregen. Seine letzte Show in Paris spiegelte wider, wie spielerisch und mit wie viel Vorstellungskraft er an seine Kollektionen heranging.

Die Gäste betraten ein türkisfarbenes dekonstruiertes „Dreamhouse“, wie von einer mysteriösen Macht gesprengt, hier lag das Dach, dort hinten die Treppe. Wie ein Pool streckte sich die Szene vor allem aus, an einem Bankett-Tisch wartete ein Orchester auf seinen Einsatz, Ablohs Ehefrau Shannon beobachtete die Show mit Vuitton-CEO Michael Burke an ihrer Seite. Tyler the Creator hat den Sound zur Show komponiert, und auch sonst war das Event wie immer das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit so vielen Talenten. Während die Models die Kollektion vorführten, bewegten sich Tänzer um sie herum, zum Schluss trat das Team mit eigens angefertigten T-Shirts heraus. Darauf zu sehen: Ein Zauberer.

 Abloh ließ sich vom Unglaublichen nicht einschüchtern, sondern versuchte sich an seine eigene Form der Zauberei. Das Ergebnis sind opulente Anzüge aus Samt, Trenchcoats aus blumig gemusterten tapetenähnlichen Stoffen, Taschen, die an Bouquets erinnern und Basecaps mit Schleiern. Aus Streetwear wird festliche Kleidung, die sich keiner Kategorie mehr zuordnen lässt: College-Jacken treffen auf Tüllröcke, Nike-Sneakers auf azurblaue Satin-Sakkos. Sechs komplett weiße Looks markierten das Finale der Kollektion, zwei Models trugen Flügel-ähnliche Konstrukte auf dem Rücken, Botschafter eines Designers, dessen Traum weiterlebt. Silvia Ihring

Credit: Getty Images

Nino Cerruti im Gespräch mit einem Kollegen im Lager der „Lanificio Fratelli Cerruti“. Biella, Januar 1968 (Giuseppe Pino/Mondadori via Getty Images)
Der Designer im Jahr 1978 – (Raphael Gaillarede /Gamma-Rapho via Getty Images)
Die Prêt-à-Porter Kollektion 1990 (Daniel Simon /Gamma-Rapho via Getty Images)
Die Prêt-à-Porter Kollektion 1985 (Daniel Simon/Gamma-Rapho via Getty Images)
Aus der Prêt-à-Porter Kollektion 1990 (Daniel Simon/Gamma-Rapho via Getty Images)
März, 1985 Nino Cerruti (Photo by Ralph GATTI / AFP)

Der eleganteste Mann Italiens 

Freundlich, höflich, ein echter Gentleman. Ein Visionär und Pionier. Einer der elegantesten Männer Italiens. Mit solchen Worten würdigten Begleiter, Freunde und Kollegen in den vergangenen Tagen Nino Cerruti, der ikonische Designer und Unternehmer, der am 16.1.2022 mit 91 Jahren verstarb. Cerruti, der den Weg in die Mode über das Textilunternehmen seines Großvaters fand, gilt als einer der ersten, der das kreative Potenzial hinter Männerkleidung erkannte. Sein Stil: „Casual Chic“. Sein Geniestreich: Die dekonstruierte Männerjacke. Cerruti stand für eine Eleganz, die sich nicht zu ernst nahm, für Schnitte, die dem Körper Freiraum ließen, für einen Look, den sogar Hollywood für sich entdeckte. Und für ein Unternehmertum, das über das eigene Ego hinausblickte, und Talente förderte: Giorgio Armani und Stefano Pilati sammelten beide erste Erfahrungen unter der Führung von Nino Cerruti. Zum Ende seines Lebens hin konzentrierte er sich weiterhin auf das Unternehmen, mit dem alles angefangen hatte: Die Weberei seines Großvaters Lanificio Fratelli Cerruti. Silvia Ihring

Prada FW22 Menswear

Wieviel Quadratmeter Velours braucht es, die Fondazione Prada bis zur Decke auszukleiden? Und die Kinosessel gleich mit. Man konnte es ahnen: Die Männerschau von Miuccia Prada und Co-Designer Raf Simons wird großes Kino. Und es wurde großes Kino. Schon wegen der Cast, ein unglaubliches Line-Up von Hollywoodstars von Thomas Brodie-Sangster über Jake McLaughlin bis zu Jeff Goldbloom, der in bester Komikermanier das Defilee beendete.  Und die Kollektion war eine Mischung aus Marvel-Power und Zukunftsreport. Präzise, kantig, gewappnet. Da sind sie wieder, die breiten Schultern und schmalen Taillen, die oversized Mäntel mit ( Kunst) Pelzsaum, aber auch Overalls für die Mechaniker des Lebens, die easygoing Outfits, die bei Prada wenigstens einen Farbtwist mitbringen, die Taschen, in denen Männer nicht nur das Wochenende wegschleppen können. Wäre da nicht der tänzelnde Goldbloom gewesen, man könnte meinen, die kernigen Männer können im nächsten Herbst mit voller Kraft laufen.

 

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Für Schlossherren

Die italienische Kunst- und Kulturgeschichte wurde von Experimenten ebenso vorangetrieben wie von Tradition. Die neue Herrenkollektion von Tod‘s spiegelt eben diese Dichotomie wider. Inszeniert wurde sie im historischen Castello Tivoli bei Turin, bekannt für seine Kunstwerke von Michelangelo Pistoletto – der wichtigsten Inspiration von Chefdesigner Walter Chiapponi.

ETRO FALL/WINTER 2022

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 PhilipP Plein

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@ Milan Fashion Week

DOLCE & GABBANA

Die Welt vor unseren Augen ist längst nicht mehr genug. Das Metaverse lädt zum Leben in parallelen Realitäten ein und immer mehr Labels denken darüber nach, was man darin anziehen könnte. Nun auch Dolce & Gabbana, die im vergangenen Jahr mit einer NFT-Auktion großen Erfolg hatten. Neue Technologien schrecken die Designer nicht ab, sondern faszinieren sie, so wie alles, was nachkommende Generationen beschäftigt. Für die jüngste Männershow holte man Star-Rapper Machine Gun Kelly auf den Laufsteg, seine Verlobte Meghan Fox saß im Publikum. Die Beiden leben ihre Liebe und ihr Leben online aus, die Grenzen zwischen virtuellen Kunstfiguren und echten Menschen sind längst zerflossen. Das ist faszinierend anzusehen, ebenso wie die neue Dolce & Gabbana-Kollektion: 80ies-Punks treffen auf futuristische Oversize-Silhouetten, Metallic auf Graffiti-Motive, riesige Daunenmäntel auf Eco-Pelze. Silvia Ihring

Geometries Volumes Proportions Metaverse Music Technology Logomania Future Special Fabrics and musician Machine Gun Kelly

BRUNELLO CUCINELLI

DSQUARED2

MEN’S FASHION WEEK FW22 MILAN 

Nature is here to soothe us and DSquared2 is here to enhance the experience. The brand celebrated the comeback to the menswear runways of Milan with a collection rich in colors, textures and layered outerwear, inspired by outdoor sports like hiking and flyfishing.

Dsquared2 @ Milan Men’s Fashion Week 22

Ziel erreicht

Weniger, klarer, fokussierter: So könnte man die neue Strategie von Modemarke Zegna beschreiben, die sich kürzlich von ihrer Zweitlinie Z Zegna verabschiedet haben, um sich auf eine Hauptlinie zu konzentrieren (die zudem nicht mehr den Vornamen Ermenegildo trägt). Die Worte beschreiben jedoch auch Alessandro Sartoris neue Kollektion  ziemlich treffend. Inspiriert ist sie von einer bestimmten Straße im Piemont, die das Naturgebiet namens „Oasi Zegna“ durchkreuzt, das dem Label gehört. Jenseits von Dresscodes und Kategorien wie Schneiderei oder Sportswear gestaltet der Designer eine Garderobe, die alle Bedürfnisse erfüllt. Und dabei ziemlich gut aussieht.

Foto aus der „Versace South Beach Stories“ Kampagne von 1993. Fotografiert von Doug Ordway. Credit: Eigentum von Versace
Scott Schuman fotografiert für „The Sartorialist in Seoul“. Credit: Scott Schuman,
Pflichtlektüre: „The Men’s Fashion Book“ (Phaidon)

a man’s world

Wo sind all die gut gekleideten Männer hin? Die Antwort ist schnell gefunden: im „The Men’s Fashion Book“ des Phaidon Verlags. Mit 500 inspirierenden Fotos zeigt das Fotobuch, wie Elvis Presley den Trend aus Loafer und farbigen Socken bereits in den 60er-Jahren manifestierte oder die Versace-Kampagnen der 80er-Jahre die Regeln der Anziehung neu schrieben und warum Südkorea die Wiege des wahren Streetstyles ist.

„The Men’s Fashion Book“,  Phaidon Verlags

‚Nowhere to go but everywhere‘ Jack Kerouac. Dior Men Show by Kim Jones. Eine Anspielung auf die literarische Bewegung in den Vereinigten Staaten in den 1950er-Jahren – natürlich übersetzt in die Sprache der modernen Mode. Manchmal muss man zwischen den Zeilen lesen! Foto Brett Lloyd

 Können Sie sich vorstellen, einen Roman zu schreiben, der nichts mit Ihrem Leben zu tun hat?

 Nein, ich glaube nicht an reine Fiktion. Erfindung ist Erinnerung.

Mr ICON Oktober 21. Foto Sven Bänziger. Look Bottega